Tyler Childers in Berlin: Von schüchternen Sängern und Hillbilly-Bachelorettes

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Tyler Childers spielte am Dienstag, den 28.01.2020 mit Band und Support The Local Honeys im Columbia Theater Berlin.

Wer hätte das gedacht: Tyler Childers, der Songwriter, der sicherlich zu den klassischsten unter den aufstrebenden Countrystars zählt, zieht ein Publikum an, das gut gepflegte Bärte und brandneue, polierte Boots statt Karohemden und ausgewaschenen Jeans trägt. Jeder und jede, der und die den sehr schönen Saal des Columbia Theaters in Berlin betritt, wird vom bereits anwesenden Publikum auf Style und Auftreten hin überprüft. Die Stimmung ist dennoch locker und man hört viel amerikanische Mundart aus den Gesprächen raus.

Die Local Honeys, die heute den Opener für Tyler Childers geben, betreten ohne viel Gerede die Bühne. Die zwei jungen Frauen sind ausgestattet mit Banjo und Gitarre und man wünscht sich sofort auf die Veranda eines viktorianischen Hauses in ihrer Heimat Kentucky. Linda Jean Stokley hat eine beeindruckende Stimme und grinst bei den humorigen Stellen ihrer Songs ins Publikum. Montana Hobbs begleitet erst mit Banjo und später mit Fiddle, kommt beim Titelsong ihres vorletzten Albums „Little Girls Actin‘ Like Men“ aber auch zu Wort. In Ihren Ansagen sprechen sich die beiden Frauen für die amerikanischen Arbeiter und die Aufdeckung der durch Öl- und Kohlekonzerne verursachten Umweltkatastrophen aus. Den Witz verlieren die beiden aber nie und geben die eine oder andere Anekdote zum Besten, die mit viel Gelächter aus dem Publikum belohnt werden. Bei „Throw Me In The Thicket (When I Die)“ stampfen die Zuhörer im Takt. Man muss schon sehr gutes Englisch sprechen, um alle Witze in den Songs und den Ansagen zu verstehen, der humorige und teilweise sarkastische Umgang mit ernsten Themen ist aber deutlich zu erkennen. Schließlich preisen die beiden noch ihr gerade erschienenes Album „The Gospel“ an und bitten darum, sich das Album erst anzuhören, bevor man bei dem Wort „Gospel“ direkt die Ohren zuklappt. Spätestens als Montana und Linda Jean mit breitem Kentucky- Akzent erzählen, dass sie mit Abschlüssen der Morehead State University die ersten Bachelorettes of Hillbilly sind, muss man die beiden sympathisch finden.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde verlassen die beiden die Bühne, um Platz für Tyler Childers and The Food Stamps zu machen, die eine Viertelstunde später ins Rampenlicht treten.

Das Aufgebot ist erstaunlich groß. Wer ein intimes, gemütliches Wohnzimmerkonzert mit Tyler Childers zum Anfassen erwartet hat, wird enttäuscht. Banjo, Pedal Steel Guitar, Keyboard, Drums und zwei Gitarren samt Sängers ergeben eine gut gefüllte Bühne. Tyler selbst ist nicht der größte Redner und so legt er direkt mit „All Your’n“ los. Der Song ist so perfekt performt, dass man die Aufnahme ohne Abweichungen parallel hätte laufen lassen können. Die Musiker sind sehr professionell und wirken gut eingespielt. Alle eint ein Look wie aus den 70ern, samt Vokuhila und Schlaghosen. Überraschend startet Tyler mit den bekanntesten seiner Hits und lässt „Feathered Indians“ als zweiten Song folgen. Das Publikum ist erstaunlich textsicher und der Applaus ist sehr ehrlich und begeistert. Tyler hingegen zeigt wenig Gefühlsregung und sagt keinen seiner Songs an oder begrüßt die Berliner mit großen Worten. Dafür lässt er die Musik für sich sprechen und beobachtet das Publikum von der Bühne aus. Er fühlt sich wohl eher als Teil der Band, denn als Solokünstler und hält sich sehr zurück. Mit seiner ersten Ansage erzählt er, dass er morgens in L.A. in den Flieger gestiegen und eingeschlafen und ein paar Stunden später in Berlin aufgewacht sei und stellt gleich seinen Keyboarder, Chase Lewis, vor. Zu jedem seiner Bandkollegen hat er eine kleine Anekdote vorbereitet und stellt zwischen den Songs einen nach dem anderen vor.

Bei „Creeker“ wird Tylers Anspruch, eine Stimme für die amerikanische Arbeiterschicht und die Vergessenen der Gesellschaft zu sein, deutlich. Während des Songs kann man sich gut in eine kleine Stadt in Kentucky versetzen, in der die Menschen weder Arbeit noch Perspektive erwarten.

Alle Musiker der Band bekommen Zeit für ihre Soli und Tyler nutzt die Zeit, um sie weiter vorzustellen. Vor „House Fire“ ist Pedal Steel Gitarrist James Barker an der Reihe. Nach „Redneck Romeo” folgen Rock’n’Roll- Einlagen und instrumentale Interludes, die Spaß machen, weil sie sehr professionell präsentiert werden, aber auch alle Ecken und Kanten vermissen lassen.

Schließlich verlässt die Band die Bühne und Tyler steht allein mit seiner Gitarre auf der Bühne. So richtig scheint er sich nicht wohl zu fühlen. „Nose On The Grindstone“ ist wohl einer der meist erwarteten Songs des Abends und stellt die Einleitung in die kurze Soloeinlage dar. „Lady May“, den Childers für seine Frau Senora May geschrieben hat, stellt er kurz als Song für besondere Gelegenheiten vor.

Sichtlich erleichtert ist der Sänger, als er seine Band wieder auf die Bühne bitten darf. Im Kreise seiner Musiker wirkt er auch gleich etwas gelöster. Der Titelsong seines 2017 erschienen zweiten Albums „Purgatory“ lässt das Publikum sogar etwas tanzen. Viele kennen auch hier die Texte und singen auch beim folgenden „I Swear (To God)“ begeistert mit. „Honky Tonk Flame“ erzeugt dann wieder etwas Melancholie, aber genau dieses Gefühl will Tyler mit seinen Songs auch erzeugen, denn die sozialkritische Botschaft in seinen Lyrics ist auch für weniger aufmerksame Zuhörer ersichtlich.

Der optische Eindruck einer 70s- Rockband verstärkt sich bei den psychedelisch angehauchten Interludes, die die Gitarre, Pedal Steel Guitar und das Keyboard  unter anderem vor „Universal Sound“ zum Besten geben.

Bevor das Publikum mit einem letzten Song in die Nacht entlassen wird, spielt die Band noch „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus an und verlässt schließlich winkend die Bühne. So langes Klatschen und anhaltenden Jubel habe ich beim Berliner Konzertpublikum noch nicht gehört. Minutenlang verlangt das sehr gut gefüllte Columbia Theater nach einer Zugabe und wird schließlich doch enttäuscht. Nach über eineinhalb Stunden ist das Konzert vorbei und hat offenbar nicht nur mich, sondern auch die meisten anderen begeistert.

Last modified: 31. Januar 2020