Drei Akkorde, die Wahrheit und ein Hallelujah! Warum Glaube und christlicher Spirit tief in der DNA der Country-Musik steckt.
„Late Night Bar Call“ ist die neue Kolumne auf CNTRY. Autor Michael Moser blickt darin auf gemütliche Stammtischgespräche zurück. Mit einem frischen Hellen in der Hand lässt es sich schließlich am besten fachsimpeln. Einmal im Monat geht es um die Geschichten hinter den Hits, den Hype um neue Gesichter und die Seele der Country-Musik, die man oft erst nach dem zweiten Glas so richtig versteht.
Es ist verdammt spät geworden und in unserer Runde wird mal wieder gefachsimpelt – über die neuesten Songs, aktuelle Trends und die Stimmen, die uns gerade nachts nicht loslassen. Aber ein Thema hat es uns heute ganz besonders angetan. Wir sind bei einem Genre gelandet, das es schon seit Jahrzehnten gibt. Mal schallt es laut durch die Boxen, mal läuft es eher im Hintergrund, aber genau wie die Country-Musik bewegt es Millionen. Und uns fällt sofort auf: Die beiden sind wie Geschwister, die bei der Geburt getrennt wurden. Es fühlt sich an wie eine völlig natürliche Verbindung, auch wenn beide ihre ganz eigenen Wurzeln haben.
Als der Wirt die letzte Runde ausruft, lassen wir uns nicht zweimal bitten. Jetzt wird erst recht geredet – über Contemporary Christian Music, kurz: CCM.
Die Lyrics sind das A und O
An unserem Stammtisch kommt sofort die Frage auf: Was genau ist es eigentlich, das diese beiden Welten so verdammt nah zusammenbringt? Wir gehen der Sache auf den Grund und landen schnell beim aktuell wohl größten Star der christlichen Musikszene: Brandon Lake. Geboren in Texas, aufgewachsen in South Carolina, hat der Mann mit dieser unfassbar wuchtigen, markanten Stimme schon in Kindheitstagen im Lobpreis-Chor seiner Heimatgemeinde gesungen. Inzwischen hat der 36-Jährige die riesige US-Worship-Szene im Sturm erobert. Er war Teil des Megaprojekts „Maverick City Music“, heute hat er Grammys im Regal stehen. Unter anderem für die beste Gospel-Performance für seinen Crossover-Hit „Hard Fought Hallelujah“ mit Superstar Jelly Roll.
In unserer Runde sind wir uns einig, woran das liegt. Nämlich am Storytelling. Das ist ehrlich, verletzlich und trotzdem voller Hoffnung. Genau diese Mischung ist es doch, aus der seit jeher die besten Country-Songs geschnitzt sind. Es geht um die ganz einfachen, alltäglichen Dinge, die uns alle mal einholen. Denn wer kennt sie nicht? Die Sorgen um die Gesundheit, das liebe Geld oder die nackte Zukunftsangst, die einen manchmal einfach niederringen kann . Doch beide Genres schaffen es, genau aus diesem Schmerz Hymnen zu bauen – Songs, die Mut machen, ohne die Realität schönzureden.
Brandon Lake hat das kürzlich in einem Interview mit dem Rolling Stone perfekt auf den Punkt gebracht: Die Grundbausteine von Country und christlicher Musik sind am Ende dieselben. Glaube, Familie und Frieden. Bei „Hard Fought Hallelujah“ spürt man das in jeder Zeile. Wenn es richtig dreckig läuft, ist der Glaube der Anker, um sich wieder hochzuziehen. Lake singt da diesen einen Satz, bei dem am Tisch alle nicken:
„There are days when a praise comes out easy, days when it costs me all the strength that I’ve got.“
Genau dieses Spannungsfeld ist es doch: Manchmal ist alles super, und manchmal zerreißt es dich fast. Im Refrain gipfelt diese Verzweiflung dann in der Zeile:
„So I’ll bring my hard fought, heartfelt, been through hell hallelujah.“
– Refrain „Hard Fought Hallelujah“
Und die Kraft zieht er eben aus dem tiefen Glauben, dass da oben jemand ist, der ihn hält – egal, wie steinig der Weg gerade ist.
Musikalische Vielfalt als Schlüssel zum Erfolg?
In unserer Runde merkt man richtig, wie das Interesse wächst. Und ganz ehrlich: Das hat dieses Genre auch verdient. Denn nicht nur beim Texten spielen die ganz oben mit, auch die musikalische Vielfalt ist der Wahnsinn. Da ist CCM dem klassischen Country vielleicht sogar einen kleinen Schritt voraus: Einflüsse aus Pop, Worship, Rock, Hip-Hop und R&B gehören hier völlig schmerzfrei zum guten Ton. Während wir uns im Country ja gefühlt wöchentlich die Köpfe darüber heißreden, was „noch Country“ ist und was nicht, stellt sich diese Frage bei CCM erst gar nicht. Die Künstler bedienen sich einfach überall.
Und das hört man auch. Da gibt es die ganz leisen, intimen Klavierstücke wie „Do It Again“ von Elevation Worship, die sich langsam mit Chören zu echten Gänsehaut-Hymnen steigern. Auf der anderen Seite hast du diesen dreckigen, bluesigen Rock-Sound von Crowder in „Run Devil Run“ – das nennt man drüben dann auch gern mal Southern Gospel.
Und natürlich gibt es die, die ganz bewusst den waschechten Country-Sound suchen.
Zach Williams oder Anne Wilson haben genau damit den Sprung rüber in die Country-Charts geschafft und dort richtig abgeräumt. Diese gegenseitige Befruchtung spült beiden Lagern ständig neue Hörer zu. Die Vielfalt in der christlichen Musik ist einfach fantastisch. Wir sind uns am Tisch einig: Dem Genre sollte jeder mal eine Chance geben – selbst wenn man mit der christlichen Botschaft sonst vielleicht nicht so viel am Hut hat. Denn am Ende schlägt hier dieselbe musikalische Seele wie in unserem Lieblingsgenre, wo wir von Trap Country bis zur klassischen Steel Guitar ja auch alles lieben, was gut gemacht ist.
Country-Stars setzen auf den Glauben
Klar, im Country geht es meistens etwas säkularer, also weltlicher, zur Sache. Aber der Glaube ist trotzdem seit Generationen tief in der DNA der Künstler verwurzelt. Denkt mal an den King of Country, George Strait, mit „I Saw God Today“, oder Blake Shelton, der „Let Him In Anyway“ sang.
Gerade in den letzten zwei Jahren ist da aber noch mal richtig Bewegung reingekommen. Die Stars setzen wieder ganz bewusst auf christliche Songs. Luke Bryan hat auf seinem 2024er-Album Mind of a Country Boy etwa die Nummer „Jesus ‘Bout My Kids“ veröffentlicht. Ein Song, den jeder Vater und jede Mutter sofort versteht: Am Anfang erzählt man seinen Kindern von Jesus, und je älter die Kids werden, desto mehr ertappt man sich dabei, wie man mit Jesus über die Kids redet.
Oder nehmt Adam Doleac, der 2025 zusammen mit Thomas Rhett „Bar Named Jesus“ herausgebracht hat. Die Story darin ist einfach genial: Statt sich an der Bar den Frust wegzutrinken, setzt der Erzähler auf die Kraft von Jesus. Eine Bar, in der die Lichter nie ausgehen, wo das „gute Zeug“ kein billiger Whiskey ist und das Glas niemals leer wird.
Je länger wir an diesem Abend darüber reden und die Gläser klingen lassen, desto klarer wird uns, warum uns beide Genres so packen. Sie leben von der puren Ehrlichkeit und der Mut zur Verletzlichkeit. Die Themen werden angepackt – auch wenn es verdammt wehtut. Über Country sagt man immer: Three chords and the truth. Wenn man ehrlich ist, gilt das ganz genau so für die Contemporary Christian Music. Am Ende sind es die Geschichten, die zählen. Und musikalisch? Da haben beide sowieso keine Angst, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.


