Kacey Musgraves – Middle Of Nowhere

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Kacey Musgraves zeigt mit „Middle Of Nowhere“ viel Pop-Appeal und Texas-Charme. Ist das ihr bisher bestes Album?

Ein entspannter Ritt zwischen Staub, Grit und Pop-Ästhetik: Kacey Musgraves greift nach dem Texas-Spirit.

Bewertung: 4.5 von 5.

Grammy gewonnen, Pop erobert, Country neu definiert. Und jetzt? Jetzt kehrt Kacey Musgraves dahin zurück, wo kaum jemand freiwillig hingeht. Zurück ins staubige Golden, Texas. Ein Ort ohne Ampeln, Straßenschildern und nicht mal 300 Einwohnern. Doch es ist der Ort, wo sie herkommt und alles begann. Mit einem Kind, das Jodel-Wettbewerbe gewann, früh Songs schrieb und mit gerade einmal 15 Jahren ihr erstes Album „Wanted: One Good Cowboy“ aufnahm.

Von hier aus ging es für Kacey Musgraves schließlich nach Nashville. Mitten hinein in eine pulsierende Szene mit klaren Regeln und noch klareren Erwartungen. Doch Kacey spielte dieses Spiel nie wirklich mit. Sie blieb ehrlich, direkt – und vor allem: zu wenig bereit, sich anzupassen. Mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Same Trailer Different Park“ stieß sie den konservativen Country-Kosmos im Jahr 2013 offen vor den Kopf und wurde durch „Follow Your Arrow“ zur neuen Ikone der LGBTQ+-Community. Zeilen wie „kiss lots of boys or kiss lots of girls, if that’s something you’re into“ oder „just follow your arrow wherever it points“, waren damals ein deutliches Statement.

Zwei Alben später dann der Moment, in dem aus dem Szene-Liebling endgültig eine Künstlerin mit globalem Gewicht wurde. „Golden Hour“ brachte Kacey Musgraves 2019 den Grammy für das Album des Jahres, eine äußerst seltene Auszeichnung für eine Country-Sängerin. Der Sound darauf war offener, mutiger und mit deutlichem Pop-Appeal. Hinter den Reglern: Zwei Namen, die seitdem untrennbar mit ihr verbunden sind. Daniel Tashian und Ian Fitchuk. Gemeinsam entwickelten sie ihren Sound weiter. „star-crossed“ flirtete mit Dance-Elementen, während „Deeper Well“ bewusst auf ruhigere, fast schon meditative Folk-Töne setzte und damit sogar die Top 30 der deutschen Albumcharts erreichte.

Kacey Musgraves in Bestform: Scharf, witzig & clever

Doch so konstant der Erfolg ihr Recht gibt, so turbulent ist ihr Liebesleben. Die Themen in ihrer Musik bleiben, Beziehungen kommen und gehen. Vielleicht ist es genau dieser Kontrast, der sie jetzt wieder dorthin geführt hat, wo alles begann. Zurück nach Texas. Zurück ins Nichts.

„Der Großteil dieser Platte entstand während der längsten Single-Phase meines Lebens“, gesteht Kacey Musgraves. „Und zum ersten Mal fühlte es sich tatsächlich unglaublich gut an, allein zu sein.“ Dieses Alleinsein ist der Kern von „Middle of Nowhere“, ihrem sechsten Studioalbum. Inspiriert von einem unscheinbaren Ortsschild in ihrer Heimatstadt Golden mit der Aufschrift „Somewhere in the Middle of Nowhere“ wird dieser Zwischenzustand zum emotionalen wie geografischen roten Faden. Kacey Musgraves balanciert hier Introspektion, Humor und regionale Identität mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Viele Songs sind bewusst reduziert gehalten. Akustische Gitarren, dezente Percussion, Pedal Steel. Klassischer Texas-Country trifft auf Kaceys pop-affine Handschrift.

Der Titelsong „Middle of Nowhere“ setzt genau hier an. Er ist weit, offen, fast staubig in seiner Atmosphäre. Ganz anders klingt die aktuelle Radiosingle „Dry Spell“. Mit einem Augenzwinkern singt Kacey über ein Thema, das vermutlich jeder kennt, aber kaum einer ausspricht: Die „Trockenheitsperiode“ während des Single-Daseins. Das ist scharf, witzig und clever zugleich. Kurz gesagt: Kacey Musgraves in Bestform.

„If you know what I mean, I’ve been sitting on the washing machine.“

– singt Kacey Musgraves auf „Dry Spell“.
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Kacey Musgraves, Foto: Kelly Christine Sutton

Mit „I Believe In Ghosts“ wird es musikalisch überraschend leichtfüßig. Lockere Disco-Vibes treffen auf Slide-Gitarren. Der Widerspruch dabei: Lyrisch ist der Song die bissigste Abrechnung des Albums, musikalisch gleichzeitig einer der fröhlichsten Momente auf „Middle of Nowhere“. Inhaltlich bleibt Kacey Musgraves dabei eng an ihrer texanischen Identität. In „Everybody Wants To Be A Cowboy“ fällt der bezeichnende Satz: „Everybody wants to be a cowgirl these days until the truck breaks down.“ Der Mythos des Cowboy-Lebens wird hier charmant entzaubert. Klar, Cowboyhut und Wrangler-Jeans sehen gut aus – aber das raue Leben im mittleren Westen ist alles andere als glamourös.

Gemeinsam mit Miranda Lambert singt Kacey Musgraves „Horses And Divorces“, ein Call-and-Response-Duett, das klassische Texas-Country-Elemente mit mexikanischen Rhythmen verbindet. Textlich pointiert und mit genau der richtigen Portion Humor. Auf „Uncertain TX“ trifft Kacey reduziert und zwischen Cowbells, Akkordeon und Steel Gitarren auf Willie Nelson. „Mexico Honey“ öffnet das Album schließlich noch einmal in Richtung Mexiko. Die Norteño- und Zydeco-Klänge verleihen dem Song eine zusätzliche Farbe und spannt die musikalischen Grenzregionen weiter auf.

„Middle Of Nowhere“ ist Kacey Musgraves’ „countriest“ Album seit „Pageant Material“. Während sie in der Öffentlichkeit auch mal „All My Exes Live In Texas“ von George Strait singt, unverblümt von eigenen UFO-Sichtungen erzählt, gern über Masturbation philosophiert und für ihre Konzerte in Texas eine von der ICE-Behörde inhaftierte Mariachi-Band auf die Bühne holt, bleibt sie konsequent bei sich selbst. Reduziert, reflektiert und treffend genau zwischen Pop-Charme und Texas-Stärke.

„Middle of Nowhere“ erscheint am 01. Mai 2026 via Lost Highway Records / Universal Music.

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