Lil Nas X und der Old Town Road Skandal – Oder was darf Country-Musik?

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Lil Nas X Old Town Road

Lil Nas X wurde mit seinem Song Old Town Road binnen weniger Stunden zum Shooting-Star. Fans feiern den amerikanischen Rapper, der mit dem Country-Trap Song eine Debatte los stieß. Nämlich: Ist das überhaupt noch Country-Musik? Und wenn ja, wie weit darf das traditionsreiche Genre Country überhaupt gehen? Eine Stellungnahme.

Die sozialen Medien machen es möglich. Ein völlig unbekannter, US-amerikanischer Rapper erklimmt aus dem Nichts die Billboard-Charts. Durch den Videodienst Tik Tok erlangte Old Town Road in den letzten Wochen und Tagen einen kometenhaften Aufstieg und hat zugleich mehrere Kontroversen zwischen Kritikern, Journalisten und Konsumenten ausgelöst.

Old Town Road – Hip Hop oder Country?

Aber von vorn. Im Dezember veröffentlicht Lil Nas X, mit bürgerlichen Namen Montero Lamar Hill, den Song Old Town Road. Er lässt ihn auf Download- und Streamingplattformen wie dem Apple Dienst iTunes unter der Katogorie „Country“ listen. Zur gleichen Zeit erfreut sich der soziale Nachrichtendienst Tik Tok, auf dem Nutzer kurze Lip Sync Videos teilen können, zunehmender Beliebtheit. Auf Tik Tok wird Old Town Road zum Hit, wodurch der Song auch bei iTunes die Chartlisten nach oben klettert. Zur Verwunderung vieler iTunes Kunden steht nun dieser völlig unbekannte junge Mann namens Lil Nas X weit oben in der Country-Chartliste und droht auf Platz 1 der prestigeträchtigen Billboard Hot Country Charts zu landen. Kurzerhand entscheiden sich die Verantwortlichen bei Billboard aber, den Song nicht mehr in der Country-Kategorie teilhaben zu lassen.

Warum? Old Town Road ist etwas komplett anderes. Der Song verbindet Elemente von Trap und Country. Ein fetter Bass unter rollende Hi-Hats, plus Einsatz von Banjo sowie Akustikgitarre zum Sprechgesang. An diesem Punkt ist die Kontroverse in den Staaten schon längst am überkochen. Nach der Entscheidung von Billboard geht es heiß her. Es wird von möglichen rassistischen Vorurteilen gegen afroamerikanische Sänger gesprochen, andere meinen die Country-Musik sei sowieso schon längst verwaschen, zum Mainstream entglitten, versucht sich den Trends des glitzernden Pop-Sounds aus Hollywood anzunähern. Warum wird Old Town Road der Status als Country-Song aberkannt, wenn R&B Sängerin Bebe Rexha mit Meant to Be oder Body Like A Back Road von Pop-Country Star Sam Hunt in Vergangenheit monatelang die Poleposition der Country-Hitparade anführen durften?

Wer nun denkt, noch mehr kann dazu nicht passieren, irrt. Denn kurzerhand meldete sich nun Country-Altstar Billy Ray Cyrus (Vater von Pop-Sternchen Miley Cyrus) zu Wort. Für ihn schien es von Beginn an völlig klar zu sein, dass Lil Nas X mit Old Town Road ein Country-Song gelungen ist. „Ich habe gedacht, was ist daran nicht Country? Schliesslich hat der Song für das Genre völlig typische Eigenschaften. Er ist ehrlich, bescheiden und hat eine mitreissende Hook und ein Banjo“, so Billy Ray. Schließlich machten Beide gemeinsame Sache und lieferten ein Remix des Hits, der ihn schlussendlich wieder in die Country-Chartliste zurückkehren ließ.

„Ich habe gedacht, was ist daran nicht Country?“

Billy Ray Cyrus über Old Town Road

Hier kommen wir nun an einen Punkt, wo aus Kontroverse fast schon eine Lächerlichkeit wird. Um eines vorweg zu nehmen. Old Town Road ist sicher vieles. Zum Beispiel ein wirklich guter Song mit witzigen Lyrics, wie wenn es in der zweiten Strophe um einen „Cowboy Hut von Gucci“ geht. Aber eines ist er nicht: Ein Country-Song.

Ja, Country-Musik entwickelt sich seit jeher stetig weiter. Das ständige Austesten von Genregrenzen, zahlreiche Kollaborationen zwischen Pop- R&B- und Country-Künstlern führte in den letzten Jahren zu einer Spaltung der Country-Fans in zwei Lager. Zum einen sind dort die Fans des modernen Nashville-Sounds von Stars wie Keith Urban, Thomas Rhett oder Florida Georgia Line, bei dem der musikalische Stil vielnäher zum Pop oder Rock zeigt. Dann gibt es die Liebhaber der traditionellen Klänge – von George Strait über Alan Jackson oder Hank und Willie. Ich selbst, als auch die ganze CNTRY.de Redaktion zählen zu den Unterstützern des modernen Nashville-Sounds. Und dennoch: Old Town Road ist kein Country-Song.

Denn auch wenn moderne Country-Musik immer öfter gern auch mit Snap- und Claptracks arbeitet – die Musik bleibt melodisch. Sie hat Harmonien, wiedererkennbare Muster. Auch der Nashville-Sound besinnt sich auf das zurück, was Country seit Beginn an ist. Clevere Texte und ein ansteckender Sound. Die Story ist es, was zählt. Familie, Freunde, Heimat, Liebe und das Leben. Oder „Three Chords and the Truth“. Lil Nas X verwendet in Old Town Road aber die für Hip-Hop typischen fetten Beats und Hi-Hats. Die Zusammenarbeit vom jungen Rapper und Billy Ray Cyrus sollte eher als cleverer Marketing Schachzug der Plattenfirma gesehen werden. Und auch Billy Ray Cyrus war clever. Der ehemalige Country-Star ist nämlich schon länger nicht mehr gut im Geschäft und kann die Aufmerksamkeit gut gebrauchen.

Doch Kontroverse hin oder her. Lil Nas X klettert auch in Deutschland in der offiziellen Top 100 Single Charts nach oben. Dort belegt der Song momentan Platz 12. Somit ist Old Town Road hierzulande der größte Country-Hit seit Justin Timberlake’s und Chris Stapleton’s Say Something. Ein unglaublicher Erfolg, auch wenn die Deutsche Top 100 Charts schon lange eher einer Farce ähnelt. Dennoch: Wacht bitte auf, liebe Plattenfirmen und Radioverantwortliche. Es gibt so viel besseren modernen Country-Sound, der es verdient gehört zu werden.

Last modified: 15. April 2019