Little Big Town – Nightfall (Album-Review)

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Foto: Capitol Nashville

Ein neues Album von Little Big Town ist immer auch eine Wundertüte – das gilt auch für ihr neues Werk „Nightfall“. Keine Frage, das Grammy-dekorierte Quartett weiß zu überraschen. 

Damit niemand beim Mitzählen Probleme bekommt, ist auf derRückseite des CD-Booklets „Ninth Studio Album“ notiert. Das sagt schon einiges über die Historie und Beständigkeit des aus Karen Fairchild, Kimberly Schlapman, Phillip Sweet und Jimi Westbrook bestehenden Country-Pop-Quartetts aus. Während aber mancher Act seinem Stil – vor allem wenn sich dieser als erfolgreich erweist – treu bleibt, gehen Little Big Town (LBT) immer wieder ein Risiko ein. Sie probieren (sich) aus, sie betreten neue Wege, bringen neue Sounds und Klangwelten mit ins Spiel und gelegentlich scheuen sie nicht die Konfrontation mit dem Establishment, wenn sie beispielsweise heikle Themen zur Sprache bringen. Das ist auf alle Fälle schon mal grundsympathisch – und dazu eher selten im doch so durchkalkulierten und berechenbaren Musikbusiness. 

Auch bei „Nightfall“ gehen sie wieder ins Risiko. Vielleicht sogar: mehr denn je. Das fällt schon mal beim sorgfältigeren Studium des Booklets auf. Als Produzenten sind da – neben LBT selbst – eher unbekannte Namen wie Ian Fitchuk, Daniel Tashian und ein gewisser Tofer Brown notiert. Letzterer Jungspund durfte sich mal die Grand-Ole-Opry-Bühne mit Charles Estenteilen und für Lady Antebellum und Ilse DeLange schrieb er Songs. Für einen Wikipedia-Eintrag reicht es aber noch nicht für den Produzenten, Multiinstrumentalisten und Songwriter. Aber auch was die beteiligten Musiker betrifft, geben Little Big Town dem Nachwuchs eine Chance: kaum ein „household name“, wie es so schön heißt. Risiko? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Nashville ist schließlich voll von hochtalentierten Musikanten, von Leuten wie dem Keyboarder Aki Thompson, dem Gitarristen Jedd Hughes, Drummer Hubert Payne und Bassist John Thomasson. 

Betörende Harmony Vocals

So viel also zu den Rahmenbedingungen der 13 „Nightfall“-Titel. Man darf also gespannt sein, wenn sie mit der Hillary Reynolds-, Michael Jade- und Trevor Jarvis-Komposition „Next To You“ in ihre neunte Studioproduktion einsteigen. Sie machen das vor allem: sehr, sehr gemächlich. Zunächst zupft nur eine Gitarre ein eher simples aber eingängiges Folk-Riff, dann, nach ein paar Takten, spielen Karen, Kimberly, Phillip und Jimi ihren stärksten Trumpf aus: ihre lupenreinen, immer wieder betörenden Harmony-Vocals. Gitarre und Gesang. Dabei bleibt es für weitere viele Takte, bis sich dann etwas Rhythmus und ein schüchterner Bass anschleichen. Gegen Ende der gut vierminütigen Komposition, man ahnt es, wächst sich das zarte Song-Pflänzchen zur wuchtigen und dazu leidlich pathetischen Liebeshymne aus. 

Das ist jetzt nicht gerade ein Opener, der alles klar machen will, der einen umhaut, der keine Fragen offen lässt. Im Gegenteil. Vielleicht sorgt ja der nachfolgende Titeltrack (aus der Feder von Fairchild, Daniel Tashian und Fancy Hagood) für mehr Klarheit? Doch: Fehlanzeige. Das Lied ist in seiner braven, man könnte auch sagen, harmlosen Ausrichtung einfach – genau! – zu brav und harmlos. Ein Lied eben. Mit netter Melodie, mit nettem Arrangement – aber auch nicht mehr. Dann hören wir doch mal in den nächsten Track rein: „Forever And A Night“, geschrieben von den zwei LBT-Herren, sowie von Karen und Foy Vance. Tja, und was soll man sagen? Der superlangsame Gospel-Song hat wirklich Klasse und dazu eine wummernde Orgel und einen schmetternden, jede Südstaaten-Kirche zum Beben bringenden Chor. 

Bedächtig, luftig, esoterisch

Trotzdem: So richtig will die CD nicht in die Puschen kommen. Alles ist irgendwie bedächtig, luftig, esoterisch, verhalten. Mehr Temperament verströmt zum Glück das anschließende „Throw Your Love Away“, eine augenzwinkernde Trennungsanleitung in drei Strophen, geschrieben von einer hochkompetenten Damenriege, bestehend aus Karen, Kimberly sowie Hillary Lindsey, Liz Rose und Lori McKenna. Sehr gut, die CD nimmt Fahrt auf. Zumal jetzt zwei „Drinkin‘“-Songs auf der Songlist stehen: das solide, gut gelaunte aber auch irgendwie konventionelle „Over Drinking“ und das – konterkarierende – „Wine, Beer, Whiskey“, für das alle LBTs plus jenem erwähnten Tofer Brown und Sean McConnell verantworlich zeichnen. Das Resultat ist: gewöhnungsbedürftig. Viel Pop, viel Radau und Party und dazu eine besoffene Mariachi-Trompete. Kann man mögen. Muss man aber nicht. 

In den weiteren Titeln ist es aber dann eher wieder Schluss mit lustig: Das nach dem tieferen Sinn nachspürende „Questions“, das komplexe Erziehungsfragen aufwerfende „Problem Child“ und – als ein Highlight der CD – das sehr persönliche, sehr gefühlvolle „The Daughters“ vermählen massentauglichen Country-Pop mit emotionaler Tiefe. Mit dem 13. Track, „Trouble With Forever“ (geschrieben von Jason Saenz, Marc Beeson und Sara Haze) beenden Little Big Town ihr Werk. Konsequent mit einem Titel, der ihre Vokal-Qualitäten ganz in den Mittelpunkt rückt – dem aber auch etwas Rhythmus und Groove fehlen. Ohnehin das Manko der CD. Wer an frühere Glanztaten der Band wie das temperamentvolle „Little White Church“ denkt, könnte glatt etwas wehmütig werden. Doch wer weiß schon, wie das nächste LBT-Album ausfallen wird? …

Fazit: Mit „Nightfall“ überraschen Little Big Town mit neuen, jungen Mitstreitern – und einem luftigen, die gesanglichen Qualitäten des Quartetts in den Fokus rückenden Sound.Dennoch: Etwas mehr Drive und Schmackes wäre schon wünschenswert.

Last modified: 3. Februar 2020