Stephen Wilson Jr. brachte einen virtuosen Country-Rock-Rausch in das Kölner Theater am Tanzbrunnen.
Stephen Wilson Jr. ist gerade wohl die angesagteste Stimme im Country-Rock. Kein Wunder also, dass am vergangenen Freitagabend rund 1.800 Fans ins ausverkaufte Theater am Tanzbrunnen pilgerten, um den für den CMA Award als „Artist of the Year“ nominierten Musiker live zu erleben. Und eines vorweg: Wer ihn schon einmal live sehen durfte, weiß, dass man sich bei seinen Konzerten auf einiges gefasst machen kann.
Schon mit dem Opener „billy“ macht der Mann aus Indiana deutlich, wohin die Reise geht. Es wird laut, intensiv und musikalisch ziemlich wild. Auf „Cuckoo“ und das brandneue „yellow brick home“ folgen unter anderem „Preachers Kid“, „Patches“ und „The Devil“. Dabei scheinen gewöhnliche Songlängen für Stephen Wilson Jr. kaum eine Rolle zu spielen. Manche Stücke wachsen live auf zehn bis fünfzehn Minuten an, während er sich minutenlang auf seiner Gitarre austobt. Mal schreddert er mit unglaublicher Energie über die Saiten, dann lässt er einzelne Töne minutenlang nachhallen. Bandkollege Scotty Murray steht ihm dabei in nichts nach und entlockt seiner Lap-Steel-Gitarre Klänge, bei denen man sich unweigerlich fragt, wie das überhaupt möglich ist. Und das Kölner Publikum? Ist da längst völlig aus dem Häuschen!
Doch zwischen all dem musikalischen Wahnsinn zeigt Wilson Jr. auch seine ruhige, persönliche Seite. Immer wieder nimmt er sich ausführlich Zeit, um von seinem Weg zum Musiker zu erzählen. Von den Erfahrungen, die ihn geprägt haben, und davon, wie er schließlich dort gelandet ist, wo er heute steht. Es sind diese Momente, in denen die Musik kurz in den Hintergrund rückt und der Mensch hinter den Songs zum Vorschein kommt. Das Publikum hört aufmerksam zu, bevor wenige Minuten später wieder die ersten Gitarrenriffs durch den Saal donnern.
Ein „Garython“ mitten durch die Menge

Für seinen mittlerweile legendären „Garython“ verlässt Stephen Wilson Jr. kurzerhand die Bühne, rennt quer durch den Konzertsaal bis ins Foyer und spielt plötzlich mitten unter seinen Fans. Anschließend erklimmt er ein Podest neben dem Mischpult, wo ihn die Menge frenetisch feiert. Überall drehen sich Köpfe, Smartphones werden gezückt und die Fans versuchen, möglichst nah an den Musiker heranzukommen. Ein herrlich verrückter Moment, der zeigt, dass während eines seiner Konzerte wirklich alles passieren kann.
Mit „Year to Be Young 1994“ und seiner drückenden Interpretation von Nirvanas „Something in the Way“ nähert sich der Abend schließlich dem Ende. Doch natürlich lässt Köln seinen Gast nicht einfach so ziehen. Für die Zugabe kehrt Wilson Jr. mit „Werewolf“ und „Hometown“ zurück und setzt damit den Schlusspunkt unter zwei Stunden, die sich deutlich kürzer anfühlten.
Selbst danach ist für Stephen Wilson Jr. noch lange nicht Feierabend. Während andere Künstler längst im Tourbus verschwunden wären, nimmt er sich nach der Show noch fast eine halbe Stunde Zeit, um Autogramme zu schreiben. Geduldig bleibt er, bis auch der letzte wartende Fan seine ganz persönliche Erinnerung an diesen Abend in den Händen hält.
Zu Ende ging ein Abend, der irgendwo zwischen Country, Grunge und Rock sämtliche Genregrenzen gesprengt hat. Mal laut und brachial, dann wieder leise und überraschend persönlich. Stephen Wilson Jr. braucht dafür nur eine Gitarre, seine großartige Band und diese unverwechselbare Stimme.


