Country Made In Germany: Kann Deutschland Country-Musik?

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Country aus Deutschland ist längst mehr als Schlager mit Cowboyhut. Wir haben genauer hingehört: Wie klingt die neue deutsche Country-Szene?

Der Country-Sound und -Lifestyle wird in Deutschland immer populärer. Das geht auch an unserer heimischen Musikszene nicht vorbei. Newcomer entdecken den Sound der Music City für sich, während sich auch gestandene Stars zunehmend von Country und Roots inspirieren lassen. Doch wer sind diese Musiker? Und kann Deutschland wirklich Country?

Ein Stammtischgespräch von Michael Moser & Christopher Wegner.

Es gibt ihn in jeder Truppe: diesen einen Freund, der es auch in gemütlicher Runde nicht lassen kann, irgendwann sein Handy zu zücken. Während der Wirt bereits die letzte Runde einschenkt, tönen also wieder irgendwelche TikTok-Videos aus der linken Ecke unseres Stammtisches. Normalerweise ist das der Moment, in dem mindestens einer von uns demonstrativ auf den Tisch hauen würde. Doch diesmal horchen wir auf. „Moment Mal! Das klingt doch verdächtig nach Country?!“ Akustische Gitarren, moderne Beats, eine Geschichte über Liebe, Trennung und dieses gewisse Gefühl von Freiheit – nur eben auf Deutsch. 

Damit ist eine Diskussion eröffnet, die älter ist als jede deutsche Country-Playlist: Muss man Country zwingend auf Englisch singen? Kann ein deutscher Song dasselbe Gefühl erzeugen wie einer aus Nashville? Und warum zucken wir beim Gedanken an deutschsprachigen Country noch immer so schnell zusammen?

Wir rücken also näher ans Smartphone unseres Bildschirmhockers, lassen den Algorithmus arbeiten und stellen nach einigen Songs fest: Vielleicht haben wir dem Thema viel zu lange keine faire Chance gegeben. Denn Country Made in Germany kann sogar ziemlich gut funktionieren.

Wer „Country“ und „Deutschland“ in einem Satz verwendet, erntet schließlich noch immer gerne einen skeptischen Blick. Das liegt weniger daran, dass hierzulande niemand Country mag. Vielmehr hat sich über Jahrzehnte ein Bild des Genres eingebrannt, das mit dem modernen Nashville-Sound ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Cowboyhut aus Stroh auf dem Schützenfest mit einem waschechten Stetson, wo gerade garantiert die millionste Coverversion von „Ring of Fire“ gespielt wird.

Dabei geht es überhaupt nicht darum, diese Szene oder den Lebensstil ihrer Fans abzuwerten. Für viele Menschen ist genau das musikalische Heimat und gelebte Leidenschaft. Das Problem entsteht vielmehr dort, wo diese Bilder stellvertretend für ein komplettes Genre stehen. Denn Country ist längst viel mehr. Pop, Rock, Folk, Americana, Hip-Hop und elektronische Einflüsse haben Nashville in den vergangenen Jahren geprägt. Gleichzeitig erleben Cowboy-Boots, Westernhemden und Cowboy-Core auch im Mainstream einen Boom. Beste Voraussetzungen also für eine neue Generation deutscher Country-Künstler. Wäre da nicht diese eine Sache.

Die Sprache.

Country auf Deutsch – Trumpf oder Hindernis?

Ein Satz fällt an unserem Stammtisch ziemlich schnell: „Deutscher Country klingt einfach sofort nach Schlager.“ Das dürfte vermutlich einen der größten Vorbehalte gegenüber deutschsprachigem Country auf den Punkt bringen. Natürlich klingt nicht jeder deutsche Song direkt nach Schlager, trotzdem scheint die Grenze in den Ohren vieler Country-Fans erstaunlich dünn zu sein.

Eine Stimme aus unserer Runde bringt es ziemlich treffend auf den Punkt: „Gerade Menschen, die sich mit deutschen Country-Songs schwertun, nehmen bei deutschsprachigen Texten schnell diesen ‚Schlagertouch’ wahr.“

Ein anderer Einwand geht derweil noch tiefer. Country sei im Kopf vieler Menschen eben untrennbar mit den USA verbunden. Und zugegeben: Dieses Argument lässt sich nicht komplett vom Tisch wischen. „Cruising down the Highway“ klingt halt einfach romantischer als „Ich fahr’ mit meinem Opel über die B3“.

Aber vielleicht liegt genau dort der Denkfehler. Deutschsprachiger Country muss gar nicht versuchen, Tennessee nach Castrop-Rauxel zu verlegen. Er muss nur seine eigenen Geschichten erzählen. Denn gutes Songwriting schafft es, deutsche Sprache nicht zum Hindernis, sondern zur Stärke zu machen. Nik Wallner etwa hat bereits vor fünf Jahren mit seinem Album „Landkarte“ gezeigt, wie selbstverständlich moderner Country auf Deutsch funktionieren kann. Statt Nashville zu imitieren, übersetzte er das Storytelling des Genres in eine Sprache und Lebenswelt, die hierzulande unmittelbar verstanden wird. Inzwischen geht die Entwicklung sogar deutlich weiter.

Wenn deutscher Country plötzlich Hip-Hop kann

Besonders spannend wird es dort, wo deutsche Künstler gar nicht mehr versuchen, irgendeine vermeintliche Country-Schablone zu erfüllen. Der Heidenheimer Musiker Patwah bewegt sich beispielsweise an einer Grenze, bei der sich eingefleischte Country-Fans vor wenigen Jahren noch die Augen gerieben hätten. Er macht Country gepaart mit Hip-Hop, nur eben auf Deutsch. Wie gut das funktioniert, zeigte er bereits mit seinen eingängigen Songs „So Egal“ und „Bar an der Ecke“. 

Auch TheDoDo geht einen ähnlichen Weg. Mit Tracks wie „Kaputt“ und „Pinocchio“ verbindet er staubige Gitarren-Elemente mit einer klaren Pop-Struktur und Hooks, die sich sofort festsetzen. Das funktioniert erstaunlich selbstverständlich, wenn dort ehrliches Songwriting auf moderne Beats, Rap-Einflüsse und klar erkennbare Country-Instrumentierung treffen. Denn warum sollten deutsche Künstler nicht das dürfen, was Shaboozey, Jelly Roll oder Post Malone auf der anderen Seite des Atlantiks längst erfolgreich vormachen?

Die nächste Frau in der „For You“ ist uns mit ihrer frechen Schnauze seit dem CNTRY-Interview von Chris längst bekannt: Anne West. Bei ihr trifft deutschsprachiger Country-Pop auf Leichtigkeit, gute Laune und Dance-Vibes. Spätestens jetzt wird aus einem anfänglichen „Country auf Deutsch? Ich weiß ja nicht …“ langsam ein „Okay, spiel mir noch den nächsten an.“ Trotzdem bleibt eine Fraktion standhaft. Nämlich die, die sagt „Country muss einfach amerikanisch sein.“

Ganz unbegründet ist auch diese Meinung nicht. Denn Sprache transportiert mehr als die reine Bedeutung eines Textes. Klang, Rhythmus und kulturelle Assoziationen spielen eine gewichtige Rolle. Englisch gehört für viele von uns so selbstverständlich zum Country wie Pedal Steel, Telecaster und der Broadway zu Nashville. Eine Meinung aus unserer Runde beschreibt das Dilemma deshalb ziemlich gut: „Grundsätzlich kann Country sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch funktionieren – Deutsch hat es aber deutlich schwerer. Nicht nur wegen der Schlager-Assoziation. Auch Emotionen fühlen sich für manche Menschen auf Englisch leichter an.“ Eine wirklich interessante Sichtweise.

Denn vielleicht diskutieren wir gerade gar nicht, welche Sprache objektiv besser zu Country passt, sondern vor allem darüber, welche Hörgewohnheiten wir über Jahre aufgebaut haben. Wer mit Johnny Cash, Dolly Parton, Luke Combs, Morgan Wallen oder Zach Bryan sozialisiert wurde, verbindet bestimmte Worte, Betonungen und Bilder automatisch mit der Country-Musik. Mit Texten auf Deutsch kannst du diese Verbindung schwer herstellen. Englischsprachige Künstler aus Deutschland haben es dann auf den ersten Blick leichter. Wenn sie denn nicht gekünstelt versuchen Englisch zu singen. Auch das gehört zur Wahrheit.

Kann man Nashville kopieren, ohne wie eine Kopie zu klingen?

Das fragt ein Kollege unseres Stammtisches tatsächlich. Doch „Kopieren“ sollte überhaupt nicht der Auftrag sein. Was aber, wenn das Feeling einer Nashville-Produktion plötzlich aus Hamburg, Südtirol, der Oberpfalz oder Köln kommt? Bei vielen Songs, die uns auf der „For-You-Page“ vorgeschlagen werden, fällt es nämlich kaum mehr auf, dass sie garnicht aus Nashville stammen.

„Where the Highway Ends“ heißt etwa ein Song vom bayerischen Country-Musiker pez., der sein Debütalbum „Groundtrippin’“ am 19. September veröffentlicht hat, wie es in der Videobeschreibung steht. Der Song handelt von der Kleinstadt Fairmount in Texas und überzeugt uns allen durch seinen klaren New-Country-Rock-Sound.

Am Stammtisch fällt deshalb auch direkt der Name Dennis Adamus. Manch einer hat ihn bereits als Gitarrist der Blues-Rock-Band „Jimmy Cornett & The Deadman“ live gesehen, ein anderer kennt ihn durch seine zahlreichen Auftritte in der Hamburger Szene-Kneipe „Cowboy & Indianer“. Auf „One Way Ticket Home (Ich schreib einen Country Song)“ hat er vor wenigen Jahren den allerersten zweisprachigen Country-Song veröffentlicht und sein „Never Leave You Alone“ eignet sich perfekt für eine gemütliche Lagerfeuerrunde unter Freunden. Am 02. Oktober erscheint seine neue Single „Burn Like A Fire“. 

Das Duo Wild as Her, bestehend aus Sängerin und Songschreiberin Caroline von Brünken und dem ehemaligen Truck-Stop-Mitglied Chris Kaufmann, sind so smooth, aber gleichzeitig kantig genug, um ein perfektes Country-Feeling zu erzeugen. Irgendwie so, als würde man Carrie Underwood mit den Brothers Osborne in einen Mixer werfen. 

Wir entdecken noch Julian Pförtner. Der war 2022 im Team von Peter Maffay zweitplatzierter bei The Voice Of Germany. Heute singt er als Julian Porter Country-Pop und erinnert mit einer unvergleichbaren Leichtigkeit und seiner wunderbar klaren Stimme an die besten Stücke von Dan + Shay. Erst kürzlich veröffentlichte er seine neue Single „Damn Good Time“. Uns wird klar: Sound, Songwriting, Instrumentierung und Produktion haben inzwischen tatsächlich ein Niveau erreicht, bei dem „Country aus Deutschland“ längst kein Nashville-Cosplay mehr ist.

Die deutsche Country-Szene wird immer vielseitiger

In der Musik von Alina Sebastian schwingt eine Priese Neugierde, Fernweh und das Gefühl von Freiheit mit. Während der Wahl-Kölner Sid Bader mit seinem besonderen Stil aus Americana und Folk direkt Richtung Appalachen reist. Denn seine Musik ist irgendwo zwischen Mumford & Sons und Noah Kahan angesiedelt. Auch er war übrigens mal Kandidat bei The Voice of Germany, sang dort eine etwas andere Version des Dschungelbuch-Klassikers „I Wanna Be Like You“. 

Witzig, denn auch die ehemaligen The Voice Coaches Johannes Oerding und Peter Maffay bringen mit „Nashville“ im Oktober ein Country-Album heraus. Fast schon im Swipe-Modus angekommen, rutscht uns auch noch Cedar River dazwischen, der den klassischen Honkytonk-Sound nach Deutschland holt – Twangy Gitarren und Slides inklusive. Es ist genau diese Vielfalt, die am Ende die größte Stärke der neuen jungen Country-Szene sein kann.

Wir haben genug auf dem Telefon gewischt und das Bier ist auch fast leer. Aus einer beiläufigen TikTok-Session ist eine erstaunlich grundsätzliche Diskussion geworden. Sind wir uns einig? Natürlich nicht. Aber in einer Sache stimmen wir einander zu:

Die deutsche Country-Szene muss sich nicht mehr verstecken. Ihre Künstler*innen greifen Trends aus Nashville auf, kombinieren sie mit Pop, Folk, Americana, Hip-Hop oder Dance und beginnen gleichzeitig, eine eigene musikalische Identität zu entwickeln. Es fehlt ihr nur die richtige Bühne, um vor breiterem Publikum stattzufinden. Wo die zu finden ist? Das ist ein Thema für die nächste Runde an unserem Stammtisch.

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