Freche Schnauze und echte Gefühle direkt vom Ponyhof. Warum Anne West mit deutscher Country-Musik All-In geht.
Ein bisschen Nashville, viel Brandenburg und und vor allem jede Menge Gefühl. Anne West bringt frischen Wind in die deutsche Country-Landschaft. Wir treffen sie zwischen Hotelzimmer, dem Weg zum nächsten Live-Auftritt und dem ganz normalen Trubel während des C2C Festivals in Berlin. Wer sie dort bereits live erleben durfte, merkt schnell: Anne steht nicht nur auf der Bühne, um ihre Songs zu performen, sie lebt ihre Musik. Am Vortag feierten wir gemeinsam bereits zu Jackson Dean ab, nur einer dieser Festivalmomente für die Ewigkeit. „Ich hab hier schon geweint, gelacht, alle Gefühle erlebt“, erzählt sie. Und schiebt direkt hinterher: „Ich hab mich einfach noch mal mehr in Country verliebt.“
Einer der eindrücklichsten Momente beim C2C Festival fand Anne West aber nicht mit dem eigenen Auftritt, sondern in der Crowd. „Wenn du merkst, dass da eine Person im Publikum steht, die deine Reise verfolgt, ist das das schönste Gefühl“, sagt sie und kämpft mit den Tränen. Dass inzwischen ganze Räume mitsingen, kann Anne selbst kaum fassen. „Ich bin ja wirklich noch am Anfang meiner Karriere“, betont sie.
Landei Anne West hat Country im Blut

Anne West kommt aus dem kleinen Dorf Hammer in Brandenburg. Dort betreibt ihr Vater einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ackerbau, Futterbau und Viehzucht. Ein Ponyhof, wie Anne es ohne Papas unerschütterliche Meinung nennen würde.
Aufgewachsen zwischen Stallgeruch, Dorffest und ländlicher Direktheit muss sie damit leben: „Ich bin so ein richtiges Landei. Ob ich will oder nicht, Country gehört halt zu mir.“ Dass Anne irgendwann genau in diesem Genre landen würde, war daher nahezu vorgezeichnet.
Ein Schlüsselmoment wiegt allerdings noch schwerer: Ihr allererster Auftritt im Alter von 14 Jahren. „Mein damaliger Musiklehrer hat gesagt: ‚Du hörst dich irgendwie ein bisschen an wie Sheryl Crow.‘“ Für Anne West war das mehr als nur ein nettes Kompliment. „Dann hatte ich ‚The First Cut Is the Deepest‘ als ersten Song. Und seitdem hat mein Herz eigentlich schon dem Country gehört.“ Heute nennt sie Künstlerinnen wie Dasha oder Lainey Wilson als Einflüsse, feiert aber genauso die Klassiker. „‚The Gambler‘ ist ganz oben in meiner Lieblingsliste“, erzählt sie. Alte Schule trifft neue Energie, was sich schließlich auch in ihrem Sound widerspiegelt.
„Ich schreibe Songs wie mein Tagebuch.“
– Anne West

Bei Anne West entstehen Songs genau da, wo das Leben passiert. „Ich schreibe Songs wie mein Tagebuch“, sagt sie. „Und mein Tagebuch limitiere ich ja auch nicht.“ Der Prozess ist dabei denkbar simpel und vielleicht auch gerade deshalb so authentisch: „Ich komme meistens aus einer Situation – ein Date ist scheiße gelaufen, ich hab einen Kater oder die Nacht durchgefeiert – und dann erzähle ich einfach, was passiert ist.“ Gemeinsam mit ihrem Produzenten und guten Freund Fae August macht sie daraus Songs. „Da steckt keine Strategie dahinter“, meint Anne. „Das muss jetzt nicht irgendwie besonders Country klingen – das ist einfach eine Mixtur aus allem, was ich bin.“
„Adieu“ ist der erste Auszug aus diesem Tagebuch. Dabei hätte der Titel kaum irreführender sein können. Denn statt Abschied bedeutete der Song für Anne West vor allem eins: Neuanfang. Der Song dreht sich um Themen wie Loslassen, Selbstbehauptung und den Moment, in dem man merkt, dass etwas vorbei ist. Musikalisch bewegt sich der Track zwischen Country-Elementen und modernem Pop-Sound. Eine klare Hook und eingängige Melodien stehen dabei im Vordergrund. Passend dazu sagt sie selbst: „Für mich ist Country: echte Geschichten erzählen.“ Inzwischen hat „Adieu“ mehrere Millionen Streams gesammelt.
Mit „Danke“ zeigte Anne anschließend eine weitere Seite, diesmal gemeinsam mit dem Heidenheimer Country-Artist Patwah. In der fröhlichen Dankes-Hymne feiern die beiden die schönen Seiten des Lebens, singen über Wertschätzung, aber auch um das Verarbeiten von Erlebnissen.
Der Moment, der alles verändert hat
Dass Anne West heute überhaupt Musik macht, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch vor zweieinhalb Jahren arbeitete sie als Zahnärztin in ihrer Kinderklinik. Doch dann verlor ihr Herzensmensch und Lebenspartner plötzlich seinen Kampf gegen den Krebs. „Das Leben ist zu kurz, um andere Menschen stolz zu machen“, begriff Anne. „Ich muss jetzt das machen, was mich glücklich macht.“
Sie ging „All-In“, wie sie selbst sagt. „Ich habe mir Fae eingepackt und noch einen anderen sehr, sehr guten Freund, den Leon, und dann sind wir einfach einmal nach Mallorca und nach Gran Canaria geflogen.” Weg vom Alltag, rein ins Songwriting. Dort entstanden die ersten Songs in dieser neuen Phase direkt aus dem Moment heraus, ohne großen Plan, aber mit umso mehr Gefühl. Schritt für Schritt entwickelte sich aus der Entscheidung, alles auf Musik zu setzen, ein neues Kapitel. „Ich hab mittlerweile einen Dropbox-Ordner mit 40, 50 Songs“, verrät Anne West. „Da kommt noch einiges auf euch zu.“
Genau aus diesen Sessions heraus entsteht auch ihr neuester Release „f u 4ever“, der am vergangenen Freitag erschienen ist. „F*ck you forever, seitdem du weg bist geht’s mir endlich besser“, singt Anne darin. Der Song ist catchy, tanzbar und bewegt sich irgendwo zwischen Country-Pop und modernen Sounds – mit leichten Vibes, die stellenweise an Acts wie Avicii oder Dasha erinnern. „Es wird frecher werden“, kündigte Anne West vorab an. Und sie erklärt auch, warum: „Ich bin fucking 36. Ich habe einfach auch schon ein bisschen was erlebt.“
Ihre Musik wird damit direkter, klarer und ein Stück weit kompromissloser. Eine Reaktion auf eine Welt, die sie zunehmend als künstlich empfindet: „Ganz viele Menschen haben die Schnauze voll von Fake“, sagt sie. „Und ich glaube, es wird Zeit für echte Sachen.“
Anne West ist keine Künstlerin, die sich verbiegen lässt. Sie singt von Liebe, Verlust und durchgefeierten Nächten. „Das sind einfach echte Geschichten“, stellt sie klar. Und genau so klingt auch ihre Musik. Direkt, ungeschönt und nah dran am Leben. Mit ihrer neuen Single „f u 4ever“ geht sie diesen Weg konsequent weiter. Sich zu verbiegen kommt für Anne eben nicht in Frage.


