Jack Wharff Band: Die Bluegrass Kings mit Punk-Spirit

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Harte Saiten, wilder Geist: Die Jack Wharff Band definiert mit ihrem Trash Grass einen neuen Sound. Die jungen Country-Rebellen im exklusiven Interview.

Es ist früher Nachmittag im Irish Pub auf dem Gelände des C2C Festivals. Eine Uhrzeit, zu der Konzerte normalerweise eher gemütlich anlaufen. Doch was die junge Jack Wharff Band hier abliefert, hat mit Zurückhaltung nichts zu tun. Stattdessen gibt es schweißtreibende Energie, mitreißende Dynamik und ein Publikum, das schon nach wenigen Songs textsicher mitsingt. „Zum ersten Mal, muss ich sagen“, lacht Frontmann Jack Wharff über das ungewohnte Setting eines Pub-Gigs am frühen Nachmittag, als wir uns kurz danach zum Gespräch treffen. „Aber es hat sich einfach verdammt gut angefühlt, da hinzugehen und richtig loszulegen. Das hat mega Spaß gemacht.“

Die Geschichte der Band, bestehend aus Frontsänger Jack Wharff, Schlagzeuger Garrett Howell, Bassist Ryan Atchison und Gitarrist Evan Novoa, beginnt dabei sogar ganz ähnlich bei einer Open-Mic-Nacht im Richmonder Club The Camel. Was dort passierte, beschreibt Garrett so: „Wir sind einfach wieder direkt auf die Bühne gegangen, haben gespielt… und es klang ehrlich gesagt gar nicht mal schlecht! Seitdem haben wir nie wieder zurückgeschaut. Wir wollen das mit niemand anderem mehr machen.“ 

Auch musikalisch kamen die Mitglieder aus völlig unterschiedlichen Richtungen zusammen. „Das war alles komplett verschieden!“, sagt Jack Wharff. „Ryan und ich waren in einer Rockband. Ich selbst habe mehr Singer-Songwriter, akustische Sachen gemacht. Und Evan kam eher aus dem Blues, hat in der Kirche Gospel gespielt.“ Gemeinsam haben sie einen Sound entwickelt, der sich bewusst jeder klaren Kategorisierung entzieht. Ein unbändiger Mix aus Country, Americana, Bluegrass und Rock, den sie selbst augenzwinkernd als Thrash Grass bezeichnen. Zu ihren Einflüssen zählen unter anderem Tyler Childers, Billy Strings und Zach Bryan.

Trash Grass aus Ole Virginia

Auf Platte bewegt sich die Jack Wharff Band oft ruhig und introspektiv, live hingegen voller Energie. „Es ist wirklich beides“, erklärt Jack. „Am Anfang waren wir auf der Bühne gar nicht so energiegeladen. Aber wir haben einfach so viel Spaß daran, live zu spielen, dass man das gar nicht unterdrücken kann.“ Ein zentraler Bestandteil dieser Energie liegt im Bandgefüge selbst. „Egal, ob wir vor fünf oder vor 500 Leuten spielen, wir pushen uns die ganze Zeit gegenseitig“, ergänzt Gitarrist Evan. „Manchmal ist einer müder als die Anderen, aber wir versuchen uns immer gegenseitig hochzuziehen.“

Besonders beeindruckt zeigt sich die Band vom deutschen Publikum – und das nicht nur wegen der Stimmung. „Sie waren großartig! Sie haben zugehört, hangen wirklich an jedem Wort und jeder Note, die wir gespielt haben“, erzählt Jack. „Und dann sind sie auch noch richtig abgegangen. Das hat Spaß gemacht! Es war eine tolle Stimmung, alle haben getanzt, ich habe es geliebt.“ Dazu kam dieser Moment, der für junge Bands alles verändern kann: „Da waren bestimmt fünf oder zehn Leute, die unsere Songs wirklich mitgesungen haben! Ich konnte es kaum glauben.“

Gerade erst veröffentlichte die Jack Wharff Band ihre neue, von Eddie Spear produzierte, EP „Strange“. Nach dem viralen Erfolg ihres Songs „Washed“ im Jahr 2025 und der Platzierung von „No Way Out“ in der Paramount+ Serie „Landmann“, der nächste Aufschlag der noch jungen Band. Die fünf Songs, allesamt mitgeschrieben von Sänger Jack Wharff, spiegeln die rastlose Transformation und Selbstfindung wieder, die ihr Leben in den Zwanzigern prägt. Von der Heimat-Hommage „Ole Virginia“ bis zur spirituellen Erlösung in „Saved“ entfaltet „Strange“ ein thematisches Spektrum aus Nostalgie, Wachstumsschmerzen, Liebe und der Einsamkeit des Tourlebens. Getragen von einem authentischen, von den Appalachen geprägten Storytelling. Der Titelsong selbst fängt das bittersüße Gefühl ein, dem einst Vertrauten zu entwachsen.

„Man braucht einfach Humor und eine gute Portion Lebensfreude und Energie.“

– Jack Wharff
The Jack Wharff Band live beim C2C Festival, Foto: Vivien Kloss / CNTRY

Auch im Interview wird deutlich, wie organisch dieser kreative Prozess verlaufen ist. „Der Song ist wie ein glücklicher Zufall entstanden“, erklärt Jack über den Titeltrack. „Wir haben einfach beim Schreiben unsere Herzen ausgeschüttet und Erinnerungen an Zuhause geteilt.“ Selbst der Titel selbst entstand eher intuitiv: „Wir wussten am Anfang gar nicht, wie der Refrain sein soll, haben ein paar merkwürdige Dinge ausprobiert. Und dann dachten wir uns: ‚Genau darum geht es in diesem Song!‘“

Die EP folgt dabei einem klaren emotionalen roten Faden: „Das ganze Thema der EP ist einfach sehr stimmungsvoll, sehr authentisch und sehr ehrlich.“ Ein Song, der diese Stimmung besonders trägt, ist „A Year, A Month, A Day“. Ohne große Umschweife bringt Jack Wharff es selbst auf den Punkt: „Wenn man sich ‘A Month, A Week, A Day’ anhört, ist das einfach ein sehr stimmungsvoller Song.“ Gerade diese Reduktion auf Gefühl statt Erklärung macht den Track zu einem der stilleren, aber nachhaltig wirkenden Momente der EP. So ernsthaft viele ihrer Songs sind, so wenig nimmt sich die Jack Wharff Band selbst zu ernst. „Wir machen ständig Witze – wirklich ununterbrochen“, sagt Jack. „Da laufen immer irgendwelche Insider-Gags nebenher.“ Und genau diese Mischung scheint Teil ihres Erfolgsrezepts zu sein. „Ich würde sagen, man braucht einfach Humor und eine gute Portion Lebensfreude und Energie.“

Die Jack Wharff Band stehen für eine neue Generation von Künstlern, die ihre Geschichten ungefiltert erzählen und sie auf der Bühne in pure Energie verwandeln. „Wir wollen einfach, dass jeder, der Geld ausgibt, um uns live zu sehen, die beste Zeit seines Lebens hat“, meint Frontmann Jack. Nach diesem Nachmittag im Irish Pub wird klar: Sie meinen genau das.

„Strange“ von der Jack Wharff Band ist auf allen Streaming-Plattformen und als Download erhältlich.

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