Brothers Osborne – Watertown

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Persönlicher, vielseitiger und musikalisch stärker als je zuvor: Brothers Osborne liefern mit „Watertown“ ihr bislang bestes Album.

Bewertung: 4.5 von 5.

Jede Band hat dieses eine Album, das einen besonderen Platz im Herzen ihrer Fans einnimmt. Bei Brothers Osborne dürfte das vor allem auf „Port Saint Joe“ zutreffen. Das 2018 erschienene Zweitwerk zählt bis heute zu den beliebtesten Veröffentlichungen der Brüder John und TJ. Mit seinem unverwechselbaren Mix aus Country, Southern Rock und einer ordentlichen Portion Gelassenheit festigte das Duo seinen Ruf in Nashville. Doch acht Jahre und drei Studioalben später müssen wir uns wohl von einer liebgewonnenen Gewissheit verabschieden. Denn die Brothers Osborne haben mit „Watertown“ gerade ihr bislang bestes Album veröffentlicht.

Dabei klingt das fünfte Studioalbum des mehrfach Grammy-, CMA- und ACM-prämierten Duos keineswegs nach einer Neuerfindung. Ganz im Gegenteil. Auf elf Songs besinnen sich die Brüder auf genau das, was ihre Musik von Anfang an ausgezeichnet hat. Ehrliche Geschichten, markante Gitarrenriffs, TJs unverwechselbare Stimme und eine ziemlich lässige Mischung aus Country, Rock, Blues und Soul. Doch diesmal hat all das eine besondere Bedeutung.

Denn mit „Watertown“ kehren die Brothers Osborne zurück nach Deale, Maryland. Hier, in diesem kleinen Arbeiterort an der Chesapeake Bay, sind die beiden Brüder aufgewachsen. Dort liegen nicht nur ihre familiären, sondern auch ihre musikalischen Wurzeln. „Wir kehren nicht nur an den Ort zurück, an dem wir geboren und aufgewachsen sind, sondern auch zu unseren musikalischen Anfängen“, erklärt TJ Osborne. Gemeint ist eine Zeit, in der Musik vor allem von dem bestimmt wurde, was die beiden wirklich ausdrücken wollten, und nicht von äußeren Erwartungen.

Zurück zu den Wurzeln, ohne stehen zu bleiben

brothers osborne
Brothers Osborne, Foto: MCA / Universal Music

So ist den Brüdern gemeinsam mit ihrem langjährigen Produzenten Jay Joyce ein Album gelungen, das ihre musikalischen Stärken vereint und gleichzeitig so persönliche Einblicke gewährt wie kaum eine ihrer bisherigen Veröffentlichungen. Den Auftakt macht „Born and Raised Hell“, bei dem sie sich mit Country-Superstar Cody Johnson prominente Unterstützung ins Boot geholt haben. Der Song blickt auf eine Jugend voller Unsinn, kleiner Rebellionen und Erinnerungen zurück, über die man heute herzhaft lachen kann. Musikalisch macht er direkt alles, wofür ein guter Brothers-Osborne-Song steht. Nämlich ein wuchtiges Gitarrenriff, ein eingängiger Refrain und John Osborne, der seinem Instrument zum Schluss noch einmal ordentlich die Sporen gibt. Ein Auftakt, der wahrlich Lust auf die kommenden Songs macht.

Weiter geht es mit „R.I.P.“, einer ziemlich selbstbewussten Abrechnung mit einer gescheiterten Beziehung. Der Song dürfte sich vor allem live zu einem echten Publikumsliebling entwickeln. Hinter dem humorvollen Titel „Family Business“ verbirgt sich ein bemerkenswert ehrlicher Blick auf das eigene Familienleben. Da wird gestritten, geliebt und nicht immer alles richtig gemacht. John Osborne, der den Song allein geschrieben hat, verarbeitet darin tatsächliche Familiengeschichten. Dass der Vater der beiden früher einen eigenen Sanitärbetrieb führte, macht den Titel umso passender. Schließlich sind auch Brothers Osborne im Grunde nichts anderes als ein ziemlich erfolgreiches Familienunternehmen.

Besonders spannend wird „Watertown“ allerdings dort, wo die Brüder ihre musikalische Komfortzone verlassen, ohne aber ihre Identität zu verlieren. Das düstere „High“, das John gemeinsam mit seiner Frau Lucie Silvas geschrieben hat, verbindet einen schweren Blues-Groove mit einer Geschichte über die berauschende und zugleich zerstörerische Kraft einer Beziehung. „Bottle It Up“ weckt dagegen Erinnerungen an die unbeschwerten Momente aus „Port Saint Joe“. Und mit „Ain’t Killed Me Yet“ liefern die beiden einen wunderbar unvernünftigen Country-Rock-Song, der sich zwischen Kneipentresen und Konzertbühne gleichermaßen wohlfühlt.

Überhaupt ist die musikalische Vielseitigkeit eine der größten Stärken dieses Albums. John Osborne beweist einmal mehr, warum er zu den beeindruckendsten Gitarristen der modernen Country-Szene gehört. Mal lässt er seine Gitarre ausgiebig aufheulen, an anderer Stelle genügen wenige zurückhaltende Töne, um einem Song die nötige Atmosphäre zu verleihen. TJ wiederum zeigt, wie viel Ausdruck in seinem markanten Bariton steckt. Zwischen der trotzigen Attitüde von „R.I.P.“ und den verletzlichen Momenten von „Stubborn“ liegen musikalische Welten. Trotzdem klingt beides unverkennbar nach Brothers Osborne.

Wenn aus Erinnerungen große Songs werden

Einen der cleversten Momente der Platte liefern die Brüder mit „Doors“. Anhand vieler Türen erzählen sie von Entscheidungen, verpassten Chancen und den verschiedenen Phasen des Lebens. Ein zunächst ziemlich einfaches Bild, das mit jedem weiteren Vers an Bedeutung gewinnt. Genau solche Songs machen deutlich, wie sehr sich Brothers Osborne auch als Songwriter weiterentwickelt haben.

Nicht weniger emotional kommt „Tough Kid“ daher. Für den Song haben sich John und TJ mit Stephen Wilson Jr. zusammengetan, der mit seiner rauen Stimme und seinem besonderen Gespür für persönliche Geschichten wie geschaffen für diese Zusammenarbeit scheint. Ausgangspunkt ist die Erinnerung an eine Schlägerei in Johns Kindheit. Mit einem Jungen, dessen schwierige familiäre Verhältnisse er erst viele Jahre später wirklich erkannte. Statt den damaligen Konflikt nur aus Johns Perspektive zu betrachten, versucht der Song, auch die andere Seite zu verstehen. Es geht um Gewalt, schwierige Kindheiten und darum, wie sehr das eigene Umfeld einen Menschen prägen kann.

Dass „Watertown“ darüber hinaus besonders gut funktioniert, liegt auch an seiner Dramaturgie. Während die erste Albumhälfte noch reichlich Gelegenheit zum Mitgrölen und Luftgitarrespielen bietet, werden die Songs im weiteren Verlauf nachdenklicher. „Same Ol’ Different Story“ verbindet Blues und Soul mit gewohnt starkem Storytelling, bevor schließlich der Titeltrack das Album beendet. Mit „Watertown“ schrieb John Osborne eine persönliche Liebeserklärung an seine Heimat. Er verarbeitet darin die Erinnerung, wie seine Familie die Asche ihrer Großmutter in der Chesapeake Bay verstreute. Es geht um das Älterwerden, um Abschiede und um einen Ort, der einen Menschen auch dann noch prägt, wenn man ihn schon längst verlassen hat. TJ singt diese Zeilen mit einer bemerkenswerten Ruhe, während sich die musikalische Begleitung zunehmend in Richtung Gospel bewegt. Ein eindrucksvoller Abschluss, auch weil er auf große Gesten verzichtet.

Während „Port Saint Joe“ vor acht Jahren gerade durch seine Atmosphäre und seinen gelassenen Sound überzeugte, gelingt den Brothers Osborne mit „Watertown“ nun etwas noch Größeres. Sie verbinden all ihre musikalischen Stärken mit Geschichten, die persönlicher und reifer kaum sein könnten. Dabei verlieren sie weder ihren Humor noch ihre Lust auf laute Gitarren und große Refrains.

Sorry, „Port Saint Joe“! Du bleibst ein verdammt gutes Album. Aber die Krone gehört jetzt „Watertown“.

„Watertown“ ist seit dem 23. Oktober 2026 via MCA / Universal Music erhältlich.

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