Warren Zeiders live in Hamburg: Viel Hype und doch „Overrated“

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Ich mag Rockmusik, große Refrains und sogar Nickelback. Eigentlich müsste Warren Zeiders bei mir offene Türen einrennen. Warum mich auch sein zweiter Hamburg-Auftritt ziemlich ratlos zurückließ.

Nickelback sind mein Guilty Pleasure. So, jetzt ist es raus. Ich bin über Rockmusik beim modernen Country gelandet, liebe fette Gitarrensounds und brauche auch keine Fiddle in jedem zweiten Song. Ich müsste eigentlich ziemlich viel mit Warren Zeiders anfangen können. Daher bekam der junge Country-Star von mir eine zweite Chance. An einem Donnerstagabend stand ich also in der Hamburger Georg Elser Halle und durfte mich wieder fragen: Warum erreicht mich das alles nicht?

Rund 1.500 Country-Fans waren am 29. Oktober zum Deutschland-Tourfinale hinauf in den Hamburger Bunker gekommen. Überwiegend junge Frauen, die ganz offensichtlich einen verdammt guten Abend hatten. Die Stimmung war ausgelassen, Warren Zeiders wurde gefeiert. Und ich stand mittendrin, um darauf zuwarten, dass es auch bei mir endlich Klick machte.

Und Ja! Der Einstieg ließ durchaus Hoffnung aufschimmern. Warren betrat mit „Intoxicated“ unter tosendem Applaus die Bühne. Darauf folgte direkt „Up To No Good“, und sicher: Diese Songs gehen ordentlich vorwärts. Warren Zeiders’ raue Stimme, die druckvollen Gitarren, der unmittelbar zugängliche Refrain. Das alles funktioniert. Auch bei „Betrayal“ und „Heartbreaker“ konnte ich gut nachvollziehen, warum sein Mix aus modernem Country und Radio-Rock so viele Menschen anspricht.

Die Kollegen von Sounds of South brachten das in ihrem Bericht aus Köln mit „Nickelback goes Country“ ziemlich treffend auf den Punkt. Daniel Daus fühlte sich stellenweise an Chad Kroeger erinnert. Ein Vergleich, bei dem ich sofort mitgehe, der erklärt, warum ich Zeiders mögen müsste. Doch Daus lobte auch dessen energiegeladene Bühnenpräsenz. Genau da gingen unsere Eindrücke auseinander. Was ihn in Köln mitnahm, ließ mich in Hamburg erstaunlich kalt. Ich blieb bei: „Ja, geht schon. Und jetzt?“

Mit „No Brakes“ und „Drinking Game“ ging es weiter, bevor „Weeping Willow“ etwas mehr Raum für Gefühl bot. Spätestens hier hätte ich gern einen Zugang zu dem Mann gefunden, dessen Songs so viel von Liebe, Verlust und Sehnsucht erzählen wollen. Doch über Strecke hinweg blieb diese Distanz bestehen. Alles, was ich hörte, waren diese blassen Pop-Lyrics, denen auch eine raue Stimme nicht automatisch mehr Tiefe verleiht. Das Konzert dümpelte währenddessen weiter dahin.

Wo blieb die persönliche Note, oder ein Moment, in dem mich sein Vortrag überrascht? Eben irgendetwas, das mich näher heranholt. Mein alter Kumpel, der geschätzte Singer-Songwriter Eric Paslay, hat beispielsweise an einigen Songs für Zeiders mitgeschrieben. Darunter „Ride the Lightning“. Eigentlich ein ziemlich guter Indikator dafür, dass ich hier eine gute Zeit haben würde. Aber selbst mit diesem Vertrauensvorschuss wollte der Funke wieder nicht überspringen. Mit dem Brooks & Dunn Cover „Brand New Man“ folgte schließlich auch noch der gesangliche Tiefpunkt des Abends. Denn Zeiders sang die Nummer derart schief, so dass von diesem eingängigen Country-Klassiker nichts mehr übrig blieb.

Für „Overrated“ kam anschließend Support Bellah Mae zurück auf die Bühne. Ein Songtitel, den ich an diesem Abend zunehmend als mögliche Antwort auf meine Frage verstand, warum der Hype um Warren Zeiders und mein eigener Eindruck so weit auseinanderliegen. Den beiden wird seit einiger Zeit eine Liaison nachgesagt, also wirbelte Zeiders sie auf der Bühne herum, strich verliebt durch ihr Haar und grabschte am Hintern. Vom Duett selbst hätte ich mir musikalisch mehr erhofft.

Mit „Relapse“, „Pretty Little Poison“ und „Ride the Lightning“ steuerte das Spektakel schließlich auf sein Ende zu. Die Stimmung im Publikum blieb ausgelassen, Warren Zeiders’ Oberkörper war nämlich mittlerweile frei. Er lieferte die Bilder, auf die seine Fans nur warteten.

Wer an diesem Abend den Weg in die Georg Elser Halle auf sich nahm, bekam also nicht nur stahlharte Muskeln und oberkörperfreies Gepose, sondern auch schmachtende Fans und die Ratlosigkeit in meinem Gesicht zusehen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich nicht zur Zielgruppe dieses Spektakels gehöre. Und, dass Warren Zeiders nüchtern betrachtet mächtig viel Charisma vermissen lässt.

Als er dann zum Abschluss wie Zeus seinen blitzförmigen Mikrofonständer in die Höhe reckte, ging ich schließlich kopfschüttelnd in die Nacht. Mit Nickelback wäre das wohl nicht passiert. 

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