Wie Country-Newcomer Brendan Walter vom Eishockey seinen Weg in die Music City Nashville findet.
Fast 20 Jahre lang bestimmt Eishockey das Leben von Brendan Walter. Der gebürtige Texaner spielt semiprofessionell auf College-Niveau, studiert Finanzen und Data Science – bis dann alles ganz anders kommt. Statt in den geplanten Bürojob verschlägt es ihn über Austin nach Nashville. Er kehrt einer sicheren Karriere im Finanzbereich den Rücken und lebt seinen Traum auf der Bühne statt auf dem Eis. Mit der gleichen Disziplin, die ihn schon als Sportler begleitet hat, arbeitet er sich von der Straßenmusik über Open-Mic-Nights zu Pub-Gigs vor, veröffentlicht erste eigene Songs und tourt mit Wyatt Flores und Evan Honer durch die Vereinigten Staaten.
Erst kürzlich feiert er sein Debüt in der altehrwürdigen Grand Ole Opry. Inzwischen führt ihn dieser Weg auch über den großen Teich. Beim C2C Festival in Berlin steht Brendan Walter erstmals in Europa auf der Bühne und darf sich durch eine glückliche Fügung kurzfristig sogar dem großen Arenapublikum auf der Spotlight Stage präsentieren. Seine zuletzt erschienene Single „Model Maniac“ bildet den Startschuss für ein neues Kapitel des Texaners. Frischen Wind bringt unter anderem Produzent Taylor Kimball in das Projekt, der besonders für seine Zusammenarbeit mit Wyatt Flores und Koe Wetzel bekannt ist. In dem Song verarbeitet Walter den Verlust einer Liebe, singt von Reue und der Chance auf Veränderung.
Im exklusiven Interview mit CNTRY spricht Brendan Walter über deutsches Bier, seine Vergangenheit als Eishockeyspieler, den Moment, in dem er sich gegen eine Karriere im Finanzbereich entschieden hat und verrät, warum er mit seiner Musikkarriere noch lange nicht am Ziel ist.
„Model Maniac“ ist Brendan Walters aktuelle Single
CNTRY: Brendan, schön, dass du dir die Zeit nimmst! Wie geht es dir nach drei Tagen auf dem Festival?
Brendan Walter: Mir geht’s super! Wir haben bisher, glaube ich, sieben Shows gespielt. Heute Abend um 20:00 Uhr folgt unser letzter Auftritt auf der Spotlight Stage.
Das ist dein erstes Mal in Europa, richtig? Wie gefällt es dir bisher?
Brendan Walter: Es ist fantastisch. Meine Crew und ich sind davor für ein paar Tage nach Dublin gereist, haben Guinness getrunken und uns die schöne Landschaft angesehen. Und auch Berlin habe ich in den letzten Tagen als wunderschöne Stadt erlebt. Ich bin schon etwas traurig, dass ich morgen wieder abreise, bin aber auch unglaublich glücklich hier zu sein und hoffe, dass ich bald wieder kommen kann. Es ist sehr aufregend, fremde Kulturen zu erleben. Ich war zwar schon einmal in Kanada, weil ich lange Eishockey gespielt habe, aber war noch nie in Übersee. Und dass ich wegen der Musik hier sein darf, macht es noch viel aufregender für mich. Ich mache das jetzt seit ungefähr drei Jahren und dass die Leute hier meine Musik so viel hören, dass wir eingeladen wurden… Das ist einfach unglaublich.
Du hast das Glück, heute Abend auf der Spotlight Stage zu spielen, weil Mae Estes leider krankheitsbedingt ausfällt. Freust du dich auf das große Publikum?
Brendan Walter: Ich bin so aufgeregt! Das wird bestimmt krass. Ein paar meiner Freunde haben bereits auf der Stage gespielt und wir konnten uns schon ein wenig anschauen, was dabei auf uns zukommt. Wir werden auf jeden Fall großen Lärm machen und jede Menge Spaß haben!
Was war das größte Publikum, vor dem du bisher gespielt hast?
Brendan Walter: Wir haben einmal als Vorband für 49 Winchester und NEEDTOBREATHE gespielt, das waren große Shows mit ungefähr 2.000 Leuten. Aber heute Abend werden es möglicherweise noch viel mehr sein, was super aufregend ist.
Hast du das Gefühl, dass das deutsche Publikum anders ist als das amerikanische?
Brendan Walter: Auf jeden Fall und zwar im positiven Sinne. Ich war vorher ein bisschen nervös, weil ich überhaupt kein Deutsch spreche. Aber es gibt kaum eine sprachliche Barriere, alle sind sehr freundlich. Der größte Unterschied ist aber, dass die Menschen hier wirklich zuhören. Es wird kaum geredet. Wenn du einen Song spielst, ist die Menge voll dabei und achtet auf das, was du zu sagen hast. Es ist ein sehr respektvolles Publikum, vor dem es großen Spaß macht aufzutreten.
Das hören wir oft! Gibt es etwas, das du in Deutschland gerne gemacht hättest, wofür dir aber die Zeit fehlte?
Brendan Walter: Ich wünschte, ich hätte ein paar Tage mehr gehabt, um alles richtig zu erkunden. Immerhin war ich morgens in der Stadt joggen, weil meine innere Uhr noch auf die USA eingestellt ist und ich immer sehr früh aufgewacht bin. Ansonsten haben wir verschiedene Biere probiert und uns Wiener Schnitzel gegönnt. Wir waren in ein paar richtig guten deutschen Kneipen. Drinnen wurde viel geraucht, was ich gar nicht mehr gewohnt bin, was aber irgendwie cool war. Das müsste es in den Staaten viel öfter geben. Ich hätte mir wahnsinnig gerne noch einige Museen in der Innenstadt angesehen, aber ich komme hoffentlich bald wieder, um das nachzuholen.
Wie hat dir das deutsche Bier gefallen?
Brendan Walter: Deutsche Biere sind großartig. Sehr leicht, haben aber auch ein bisschen Biss. Das ist echt gut, weil ich es eher gewohnt bin, Miller Lite und Bud Light zu trinken…
Das ist ein großer Unterschied!
Brendan Walter: (lacht) Es ist wässriges Bier, aber es ist ein gutes Bier. Es ist eben amerikanisches Bier!
Das musst du natürlich sagen!
Ja, da ist was dran. (lacht)
Kommen wir zu deiner Musik. Was ist denn tatsächlich um „2:38“ Uhr passiert?
Brendan Walter: Abby Callahan hat diesen Song mit ein paar Leuten geschrieben und mich gebeten, dabei zu sein. Ich war nicht am Songwriting beteiligt, aber ich bin sehr stolz, ein Teil davon sein zu dürfen. Denn es ist ein toller Song und Abby ist eine herausragende Künstlerin. Ich interpretiere das so: 2:38 Uhr ist diese typische Zeit, in der man von der Bar nach Hause kommt, im Bett liegt und sich denkt: „Wen rufe ich jetzt noch an?” Leider ist das meistens nicht die Person, die man anrufen sollte.
Es war einfach so unglaublich spezifisch!
Vielleicht musste Abby um 2:38 Uhr etwas durchmachen, von dem ich nichts weiß. (lacht)

„Ich kann meine Arbeitsmoral aus dem Eishockey perfekt auf die Musik übertragen.“
– Brendan Walter
Dein erstes Album heißt “Disappearing Days”. Was bedeutet dieser Titel für dich?
Brendan Walter: Ich habe fast 20 Jahre lang Eishockey gespielt. Ich war auf dem College, habe Finanzen und Data Science studiert und schlug einen völlig anderen Weg ein. Mit 25 habe ich meinen Abschluss gemacht. Ich bereue nichts, immerhin wäre ich ohne diese Erfahrungen nicht hier. Musik war zwar schon immer meine Leidenschaft, aber neben dem anspruchsvollen Eishockey fehlte mir einfach immer die Zeit. Jetzt verfolge ich diese neue Leidenschaft, fühle mich aber ständig, als wäre ich zu spät dran. Ich werde dieses Jahr 28. Ich versuche jeden verbleibenden Tag zu nutzen und mein Bestes zu geben, um irgendwann auf ein Level zu kommen, auf das ich stolz sein kann. Genau das sind diese verschwindenden Tage (engl. „Disappearing Days“, Anm. der Red).
Hast du während deiner Zeit als Eishockeyspieler überhaupt keine Musik gemacht?
Brendan Walter: Doch, ich habe in der fünften Klasse angefangen, Gitarre zu spielen und in der Kirche Musik gemacht. Während der Highschool habe ich aber nie in Bands gespielt oder so, Eishockey war einfach voll mein Ding. Ich musste jeden Tag früh los und bin fast jedes Wochenende zu Spielen gefahren. Später habe ich drei Jahre lang semiprofessionell Eishockey gespielt, bevor es ans College ging. Das war ein langer Weg. Ich bin super dankbar, dass ich dadurch kostenlos studieren und gleich zwei tolle Abschlüsse bekommen konnte. Aber während der Collegezeit wurde mir klar, dass ich etwas anderes mit meinem Leben tun will – und jetzt sitze ich hier in einem völlig neuen Land für mich und tue das, was ich liebe.
Hast du in deiner Jugend garnicht musiziert?
Brendan Walter: Doch, ein bisschen schon. Alle in der Familie meiner Mutter singen im Kirchenchor oder spielen Orgel. Mein Vater spielt in einer Band, seit ich klein war. Von ihnen konnte ich mir vieles abschauen und lernen. Ich habe als Kind auch ein paar Songs geschrieben. Die klangen dann eben auch wie Songs, die man mit 12 oder 13 Jahren schreibt. Aber ich wusste nie so recht, wie ich richtig in die Musikszene reinkommen kann. Als ich auf dem College war und älter wurde, merkte ich plötzlich, dass ich auch einfach tun kann, was ich will. Diese Erkenntnis hatte ich vorher nie, weil Eishockey so eine strikt durchorganisierte Sache war, bei der ich mit vollem Herzen dabei war. Als diese Zeit dann aber zu Ende war, konnte ich endlich meiner wahren Leidenschaft folgen, der Musik.
Gab es einen bestimmten Schlüsselmoment für diese Entscheidung?
Brendan Walter: Ja. Zum Ende meines ersten Studienjahres begann Covid und Eishockey fiel für etwa eineinhalb Jahre flach. Ich fing an, ein paar Videos zu posten und genoss es,nur für mich jeden Tag Gitarre zu spielen. In meinem vorletzten Jahr war dann ein Gastredner in meinem Finanzkurs zu Besuch. Er hatte genau den Job, den ich eigentlich anstrebte und ich hatte sogar schon ein tolles Praktikum in Aussicht. Aber nach seiner Rede dachte ich mir: „Ich weiß gar nicht, ob ich das jetzt wirklich machen will.” Ich rief meine Mutter an und sagte ihr, dass ich nach Austin ziehen werde, um es den Sommer über mit der Musik zu versuchen.
Und der Plan ging auf?
Brendan Walter: Ich habe viel Straßenmusik gespielt, trat bei Open Mics auf und fühlte mich plötzlich wieder richtig lebendig. Denn endlich konnte ich mal aus meinem Trott ausbrechen. Es ging nicht mehr nur um die tägliche Routine: Training, Fitnessstudio und Meisterschaft. Am Ende des Sommers durfte ich nach einer Audition dann sogar vor den Juroren bei „American Idol” vorsingen. Ich kam zwar nicht weiter, aber dachte mir: „Nach nur zwei Monaten bin ich fast im Fernsehen gelandet. Warum mache ich nicht einfach weiter?” Denn tief in meinem Inneren wollte ich schon immer Musik machen. Nach meinem Abschluss zog ich nach Austin, schrieb Songs und hielt mich mit Straßenmusik über Wasser, bis ich im Saxon Pub feste Gigs bekam. Von da an konnte ich von der Musik leben, auch wenn meistens nur Ramen auf den Tisch kam. (lacht) Jetzt bin ich seit fast zwei Jahren in Nashville zu Hause und liebe diesen ganzen Prozess. Ich kann meine Arbeitsmoral aus dem Eishockey perfekt auf die Musikindustrie übertragen.
Wie bist du von den Pubs zum C2C-Festival in Deutschland gekommen, um auf einmal vor großen Menschenmengen zu spielen?
Brendan Walter: Dafür muss ich meinem Agenten Jacob Lapidus von der CAA danken. Ich traf ihn, noch bevor ich nach Nashville zog. Wyatt Flores und sein Team hatten mich ein paar Mal mit auf Tour genommen und bei ihrem Agenten ein gutes Wort für mich eingelegt. Von da an lief alles professioneller, weil sich auf einmal Leute für mich eingesetzt haben. Natürlich stecken wir auch sehr viel Arbeit in die Musik, aber oft weiß ich selbst noch nicht, wie das Business funktioniert. Das finde es gerade erst heraus.
Brendan Walter zählt Mumford & Sons als seine größte Inspiration
Wenn es nur einen einzigen Song gäbe, für den man sich auf ewig an dich erinnern würde, welchen deiner Songs würdest du dafür auswählen?
Brendan Walter: Einige meiner ganz frühen Sachen liegen mir besonders am Herzen, weil sie so authentisch waren. Nicht, dass das heute nicht mehr so wäre. Aber gerade, wenn du am Anfang stehst, wird das immer eine besondere Phase für dich bleiben. Da gibt es diesen Song namens „Gassed Up“. Der war kommerziell vielleicht kein riesiger Erfolg, aber ich liebe ihn. Den habe ich zusammen mit Theo Kandel geschrieben und finde, es ist einfach ein richtig guter Song.
Und welcher ist dein Lieblingssong für Live-Auftritte?
Brendan Walter: Ich habe diesen wirklich albernen Song, eine Mischung aus E-Blues und Honky-Tonk, namens „Fightin’ Today“. Er erzählt von der wahren Geschichte, wie mein Freund Pat und ich ein paar dumme Entscheidungen getroffen haben und aus Versehen in eine Barschlägerei geraten sind. Es war nicht unsere Schuld, aber du kannst mir glauben, dieser Typ hatte es sich redlich verdient.
Hast du wenigstens einen Stuhl geworfen?
Brendan Walter: (lacht) Nein, ich bin nicht Morgan Wallen! Aber es war eine sehr interessante und auch beängstigende Erfahrung. Wenn du den Song hörst, weißt du, wovon ich spreche.
Wenn du dir jemanden aussuchen dürftest: Mit wem würdest du unbedingt gerne mal zusammenarbeiten?
Brendan Walter: Eine Zusammenarbeit mit Mumford & Sons wäre das Coolste überhaupt. Das ist die Band, wegen der ich überhaupt erst angefangen habe, Gitarre zu spielen. Ich habe „Little Lion Man“ gehört und wollte unbedingt diesen Song lernen. Daraufhin habe ich mir eine Gitarre geschnappt und meine ersten Gitarrenstunden genommen. Ich liebe diese Band einfach!
Waren Mumford & Sons also deine größte musikalische Inspiration?
Auf jeden Fall! Ich konnte gar nicht mehr aufhören, auf der Gitarre zu schrammeln wie sie es taten. Mein aktueller Song „Pipe Dream“ nutzt genau das gleich Schlagmuster wie „Little Lion Man“. Ich liebe diese Band. Natürlich gibt es da draußen so viele andere unglaubliche Künstler. Einige durfte ich in Nashville bereits kennenlernen, aber Mumford & Sons bleiben ganz klar meine Nummer eins.
Möchtest du dem deutschen Publikum noch etwas mit auf den Weg geben?
Brendan Walter: Ich möchte einfach Danke fürs Zuhören sagen. Es freut mich riesig, dass euch meine Musik gefällt. Ich liebe das alles so sehr. Shows in einem ganz neuen Land, in einem anderen Teil der Welt spielen zu dürfen, ist eine unglaubliche Erfahrung. Ich nehme das sehr ernst und liebe, was ich tue. Hoffentlich schaffe ich es eines Tages bis ganz an die Spitze – ich werde jedenfalls nicht aufhören, bis ich dort bin.
Wir drücken die Daumen und freuen uns auf deinen Auftritt heute Abend.
Brendan Walter: Vielen Dank! Prost! (lacht)


