Chase Rice im Interview: „Die CD ist nicht tot, aber sie stirbt aus“

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Chase Rice war schon Sportler, Reality-TV Star und Teil eines NASCAR Teams. Heute ist er erfolgreicher Sänger und Songschreiber. Mit CNTRY sprach er über seinen Werdegang, Fußball und neuer Musik.

Chase Rice schrieb nicht nur den Song “Cruise”, der die Karriere von Florida Georgia Line ebnete, sondern landete auch mit “Eyes On You” einen Megaerfolg. Mit über 1,7 Millionen verkauften Alben, mehr als 1,3 Milliarden Streams sowie ganzen Heerscharen von treuen Anhängern auf seinen fulminanten Konzerten konnte sich Chase Rice als absoluter Shootingstar in Nashville und darüber hinaus etablieren. Der Ex-Footballer ist längst nicht neu im Geschäft, sondern etablierter Profi. Mit “The Album Part 1 + 2” setzt er nun den Startschuss einer neuen Musik, in der er sagt, was er sagen will – und wie er sagen will. Sie ist immer noch die, in die sich Chase-Rice-Fans vor Jahren verliebt haben – nur eben besser. Freier. Kompromissloser und ohne jede Zurückhaltung, gleichermaßen mit Lagerfeuer-Songs und Stadionhymnen. Doch wer ist der Mensch hinter dem Hitmaker? Um das herauszufinden, trafen wir Chase Rice Anfang des Jahres zum Gespräch in Berlin.

Chase Rice live im Mojo Club in Hamburg (Januar 2020). Fotos: Dörthe Bruske für CNTRY

CNTRY: Wie war dein erster Besuch in Deutschland?

Chase Rice: Ich liebe es, es ist einfach toll hier. Ich bin durch Berlin gelaufen, habe mir die Mauer angesehen, Checkpoint Charlie, all dieses Geschichtsträchtige. Aber auch die Konzerte hier sind verdammt gut gewesen.

Was nimmst du von den Konzerten vor deutschem Publikum mit nach Hause?

Wir hatten viele tolle Momente. Wenn du eine Akustik-Tour machst, ist es immer wieder beeindruckend zu sehen, wie das Publikum gespannt zu hört. Da muss man als Künstler, der allein auf der Bühne steht, nochmal eine Schippe drauflegen, um die Leute zu unterhalten. Hier sind aber alle etwas gelassener, können viele Songs textsicher mitsingen. Das habe ich nicht erwartet.

Bevor wir über deine neue Musik sprechen, ein anderes Thema. Du hast eine zweite Leidenschaft: Sport. Und du bist großer Fußball-Fan…

Ich liebe Fußball! Ich bin großer Man City Fan. Als ich vor drei Jahren die ersten Konzerte in England gespielt habe, durfte ich auch mein erstes Spiel im Stadion sehen. Sie haben mich so nett aufgenommen. Das ganze Team ist super cool drauf. Letzte Woche durfte ich sogar beim Training mitmachen. Und meinen Lieblingsspieler treffen. Leroy Sane, ein Deutscher. Ich liebe die Atmosphäre eines Fußballspiels. Die neue Champions League Saison wird wieder der Hammer.

Dabei ist Fußball in den Staaten doch nicht so populär?

Das stimmt. Deshalb habe ich mir eine App runter geladen, auf der ich mir die Partien ansehen kann. Ich schaue so gut wie jede Woche die Premier League, stehe sogar um 7 Uhr auf, nur um ein Spiel live zu sehen.

Spielst du auch aktiv?

Manchmal kicken wir mit Freunden, aber ich bin ein schlechter Fußballer. Ich habe wenig Talent, vielleicht fehlt mir auch nur etwas Training um besser zu werden. Aber ich glaube, ich bleibe lieber der Musik treu.

Nur eine Frage zum anderen Football…

… American Football!

Was für eine tolle Leistung der Tennessee Titans in der letzten Saison, oder?

Die Titans sind mein Heimatverein. Es wäre super gewesen, wenn wir es bis zum Superbowl geschafft hätten. Ich glaube aber, dass wir noch nicht bereit dafür sind. Irgendwann werden wir sicher ganz oben mitspielen. Unsere Defense ist stark, das Quarterback-Spiel muss noch verbessert werden. Dann wird das was.

ESPN nannte dich in einem Artikel den „Real Life Forrest Gump“…

Ja. Und es ist stimmt tatsächlich. Ich habe ein verrücktes Leben geführt. Ich habe American Football gespielt, war ein paar Jahre im NASCAR aktiv, habe bei der TV-Show „Survivor“ mitgemacht. Auch so eine besondere Erfahrung. Dann bin ich nach Nashville gezogen, um Songs zu schreiben und Musiker zu werden. Übrigens die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Bis dahin war es ein wildes Leben, das ich zu jeder Zeit genossen habe.

“Ich kann nicht einen Song nennen, auf den ich nicht stolz bin”

– Chase Rice

Lass uns über Musik sprechen. „The Album“ heißt dein neues Projekt. „Everywhere“ wurde mein neuer Ohrwurm. Auf welchen Song bist du am meisten Stolz?

Ich kann nicht einen Song nennen, auf den ich nicht Stolz bin. Ich wollte nur starke Songs draufpacken. Keine unnötigen Lückenfüller, es sollten alle Songs großartig werden. Ich liebe „Everywhere“, weil es eine wahre Geschichte beleuchtet. Der Song handelt von meiner Ex. Ich habe sie zu ihrem ersten Red Socks (Baseball Mannschaft aus Boston, Anm. d. Red.) begleitet. Jetzt laufe ich mit einer Red Socks Cap durch Berlin. So sind die Erinnerungen an sie tatsächlich überall. Ich glaube auch, dass „Messy“ mit seiner starken Botschaft sehr tiefgründig ist, während mich „In The Car“ und „Best Night Ever“ an meine Highschool-Zeit erinnern. Die beste Nacht überall war übrigens eine auf meiner Farm in Nashville. „American Nights“ erzählt von der Vielfältigkeit in unserem Land. Das Projekt hat eine wunderbare Tiefe und enthält viele schöne Geschichten.

„The Album“ besteht aus mehreren Teilen. Was ist der Grund dafür?

Ich habe einfach zu viele Songs für nur ein Album geschrieben. Außerdem hat sich die Art, wie wir Musik konsumieren, stark verändert. Vieles konzentriert sich nur noch auf einen Song. Deshalb wollte ich den Leuten nicht zu viele Songs auf einmal liefern, die sie am Ende schnell vergessen werden. So können sie sich auf wenige starke Tracks konzentrieren.

Willst du damit sagen, dass die klassische CD tot ist?

Die klassische CD ist noch nicht tot, aber sie stirbt aus. Mir persönlich ist es aber egal, wie die Menschen Musik konsumieren. Ob es nun Schallplatten, CD’s, Maxi-Singles, Downloads, oder Streams sind. Wichtig ist es, das wir es weiterhin schaffen, dass die Leute jeden Song eines Projektes hören, sich auf das Gesamtwerk einlassen und nicht von Song zu Song springen. Klar, sie werden ihre Highlights finden – das ist normal. Ich möchte aber die Chance, dass alle meine Geschichten gehört werden. Deswegen denke ich, weniger Musik – dafür aber öfter – zu veröffentlichen, ist der beste Weg das zu erreichen.

Eric Paslay sagte mir neulich, es gibt kein Geheimrezept für einen guten Song. Das kann ich nicht glauben. Du weißt doch wie es funktioniert, oder?

Das Geheimrezept eines Hit-Songs ist für mich ganz viele Lieder zu schreiben. Du wirst viel Müll schreiben, aber irgendwann auch über etwas besonderes stolpern.

Deine Karriere startete mit dem Hit-Song „Cruise“ von Florida Georgia Line. Welche Auswirkungen hatte der Track auf dein Leben?

Der Erfolg von „Cruise“ hat mir sehr geholfen. Es hat mir viel Respekt in der Musikindustrie gebracht. In Nashville hat man dann angefangen, sich endlich meine Musik anzuhören. Du musst dich dort zu erst beweisen, sonst geben sie dir keine Chance. „Cruise“ war ein großer Fortschritt, um endlich auf Gehör zu stoßen. Ab dann begann ich auch mehr für mich selbst zu schreiben. Das war 2012. Heute bin ich ein viel besserer Songschreiber als damals, trotzdem habe ich bisher keinen weiteren Song in der Größenordnung schreiben können. Damit will ich sagen: Manchmal ist es echt nur großes Glück. Deshalb darfst du nie aufhören fokussiert zu arbeiten, um das beste aus dir rauszuholen.

Seit dem Party-Album „Ignite The Night“ hat sich deine Musik stark weiterentwickelt, du hast sogar mit „Lambs & Lions“ eine Rockhymne aufgenommen. Wie kam es dazu?

Ich höre viele unterschiedliche Musikrichtungen. Und ich komme aus einem American Football Umfeld. Also wollte ich etwas schreiben, was ich hören würde, bevor ich auf den Platz laufe. Ich liebe Rockmusik, warum dann nicht seine eigene Rockhymne aufnehmen? Meine Musik kann sehr Vielseitig sein. Auf der einen Hand habe ich Songs wie „Lions“, auf der Anderen „Messy“ oder „American Nights“. Tracks die nicht unterschiedlicher sein können.Von Rock- über Popmusik und akustischen Klängen. Ich versuche immer herauszufinden, was ein bestimmter Song braucht, nicht wie er im Umfeld anderer klingt.

“Ich höre kaum moderne Country-Musik”

– Chase Rice

Ein großer Erfolg wurde dann auch der Song „On Tonight“…

„On Tonight“ ist ein Kracher hier in Europa. Er ist hier sogar ein größerer Hit als in den USA. Das Publikum kann hier jedes einzelne Wort mitsingen. Es war vielleicht ein Fehler „On Tonight“ nicht ans Radio zuschicken.

Hörst du privat viel moderne Country-Musik?

Ich höre selbst fast keine moderne Country-Musik, außer sie kommt von einem echt guten Freund wie zum Beispiel Jake Owen. Verstehe mich nicht falsch, es liegt nicht daran, dass ich die Musik nicht mag. Florida Georgia Line, Thomas Rhett, Chris Stapleton und Co. sind großartige Musiker. Aber ich möchte nicht wie Andere klingen. Ich möchte meinen eigenen Sound erfinden. Deshalb höre ich immer noch viel traditionellen Country, bin ein großer Garth Brooks Fan. George Strait, Kenny Chesney, Chris LeDoux. Zu meiner Musikwelt gehören auch blink-182, Eminem und Ed Sheeran. Meine Musik kommt von überall.

Nun könnte man sagen, durch all diese Einflüsse ist das gar keine Country-Musik mehr…

…zumindest nicht die Art von Country-Musik an die manch einer denkt.

Aber genau dieser Meinung sind gerade sehr viele. Wie oft sagen Hörer: „Das ist keine echte Country-Musik mehr!“ Was entgegnest du diesen Menschen?

Es ist doch wie mit jedem Genre, es entwickelt sich immer weiter. Ich freue mich, in einer Zeit Musik zu machen, in der wir Genregrenzen verschieben dürfen. Nimm etwa meine Musik. Nenn es Country, dann ist es auf einer Wellenlänge mit Johnny Cash. Dann ist es das Gleiche wie Strait, Merle und Hank. Und auch deren Musik hört sich nicht annähernd gleich an. Aber das ist doch das Schöne an der Musik. Und wenn am Ende des Tages jemand meine Songs hört und sagt: “Das ist kein Country!” Sage ich mir, es ist okay. Nenne es wie du willst, mir ist das egal!

Chase Rice – The Album Part I + II:

Last modified: 10. Juli 2020