Rekorde am Fließband, aber fehlt die musikalische Vielfalt? Am Stammtisch analysieren wir das Phänomen Luke Combs zwischen genialem Country-Rock und kommerziellem Stillstand.
„Late Night Bar Call“ ist die neue Kolumne auf CNTRY. Autor Michael Moser blickt darin auf gemütliche Stammtischgespräche zurück. Mit einem frischen Hellen in der Hand lässt es sich schließlich am besten fachsimpeln. Einmal im Monat geht es um die Geschichten hinter den Hits, den Hype um neue Gesichter und die Seele der Country-Musik, die man oft erst nach dem zweiten Glas so richtig versteht.
Was für ein Hammerrekord von Luke Combs! Das Thema, dass wir gerade an unserem Kneipentisch besprechen, als der Wirt die letzte Runde ausruft, lässt uns wirklich staunend zurück. Ein Künstler schafft es tatsächlich mit zwei Songs auf die ersten beiden Plätze der Country Airplay Charts. Nachdem wir unser frisches Getränk gereicht bekommen, müssen wir diesem Rekord auf die Spur gehen.
Luke Combs kann heute eine Bilderbuchkarriere vorweisen. Wuchtige Stimme, elektrisierende Live-Shows und Ohrwürmer am Fließband. Wohl kaum ein anderer Sänger könnte das Telefonbuch rauf und runter singen und dabei noch mit Leichtigkeit einen Nummer eins Hit erzielen. Angefangen mit seinem ersten Charttopper, „Hurricane“ aus dem Jahre 2016 schafft es Combs jede seiner ersten 13 Singles auf Platz eins der Radio Charts zu hieven. Mittlerweile hat der Sänger aus North Carolina bereits 20 Nummer eins Songs auf seinem Konto zu buche.
Doch dies ist wohl nicht genug. An unserem Stammtisch müssen wir zweimal nachlesen. Aber ja, tatsächlich, Combs steht mit zwei verschiedenen Songs auf Platz eins und zwei. Dies hat vor ihm noch nie jemand geschafft, denkt man. Der erste, der diesen Rekord aufgestellt hat, war, und wie sollte es anders sein? Natürlich Luke Combs selbst. An unserem Tisch herrscht Sprachlosigkeit. Im Jahre 2023 gelang dem Sänger mit „Love You Anyway“ und „Fast Car“ der selbe Geniestreich. Es gibt zwar Künstler, die ebenfalls mit zwei Songs auf den obersten Rängen standen. Doch diese haben jeweils mit Kollaborationen diesen Erfolg erreicht. Morgan Wallen gelang im Jahr 2024 mit Ernest („Cowgirls“) und mit Post Malone („I Had Some Help“) die Topplatzierungen. Im Jahr 2014 gelang Luke Bryan mit „Play it Again“ und „This is How We Roll“ mit Florida Georgia Line ein ähnlich großer Erfolg.
Ist nun der Höhepunkt erreicht?

Nachdem wir nach diesen atemberaubenden Zahlen erst einmal anstoßen und die Informationen sacken lassen, beginnt die Diskussion, die immer nach solch großen Erfolgen aufkommt. Wie lange geht diese Erfolgssträhne weiter? Kann man das noch toppen oder geht es wieder bergab? Wir merken, unser Stammtisch teilt sich in zwei Lager auf. Die Hardcore Fans verteidigen jegliche negative Aussicht energisch und lassen keine Zweifel an Luke Combs aufkommen. Während die andere Hälfte nicht an Kritik spart. So manch einer hatte schon lange ein mulmiges Gefühl, wenn es wieder hieß: „Ein neues Album von Luke Combs erscheint“. Denn die musikalische Vielfalt ließ sich bei seinen bisher sechs Longplayern eher an überschaubaren Maßstäben messen. Wenn man sich etwas genauer mit seinen Songs und ihrer Rhythmusstruktur beschäftigt, so fällt auf, dass Combs gerne zu dem selben Schlagmuster zurückgreift. Auch am Sound und der musikalischen Gewichtung der Instrumente gibt es oft das Gleiche auf die Ohren. Stampfender 90er-Jahre-Country-Rock, oft mit undifferenziertem E-Gitarrensound und gefühlvolle Balladen wechseln sich im Takt ab.
Lediglich sein fünftes Werk „Fathers & Sons“, das eher als Konzeptalbum zu verstehen ist, bildet da eine Ausnahme. Hier spielt Combs die ganze Bandbreite seiner musikalischen Kreativität aus. Steel Guitar, klassiche Countryrhthmen und etwas entspannter erzeugte Atmosphäre durch viel Akustische Gitarre lassen das Album im bildlichen Sinne aufatmen. In dieser Unaufdringlichkeit lässt sich das ganze Potenzial des Superstars klar erkennen. Einziger Kritikpunkt, den unsere Runde hier feststellt ist, dass leider keine einzige Single daraus ausgekoppelt wurde und somit nicht ganz zum Mainstream-Auftritt des Sängers passt.
Kommerz oder Kunst?
Braucht es daher einen drastischen Kurswechsel? Manche denken sofort an einen neuen Produzenten oder gar neuem Musiklabel um für frischen, neuen Sound zu sorgen. Für Luke Combs kommt wohl beides nicht infrage. Zu stark ist der massive Radio-Support, den er über sein Team bekommt. Doch die Gefahr bleibt bestehen, seine und auch neue Fans für die kommende Musik zu begeistern. In diesem Punkt ist sich unser Stammtisch einig. Leider ging diese Leidenschaft und Neugier auf die neue Musik von Combs etwas verloren.
Doch es gibt auch Beispiele, die eben genau dieses Szenario gekonnt gemeistert hatten. Wir denken zurück in das Jahr 2016, als uns Florida Georgia Line mit H.O.L.Y mächtig überrascht hatten. FGL dominierte, ähnlich wie jetzt Combs, die Radio und Verkaufscharts wie kein anderer Künstler oder Band vor ihnen. Ihr unverwechselbarer Bro-Country-Sound, schien unbestritten das Maß aller Dinge zu sein. Doch plötzlich kamen sie mit einer Piano-Ballade daher, die sie erwachsener und reifer erscheinen ließ. Auch hier setzten sie gewissermaßen den Trend, Country in Richtung Pop weiter zu entwickeln.
In unserer Runde fällt nun noch ein Name, der es wie kein zweiter schafft sich mit jedem Album neu zu erfinden: Eric Church. Längst im Genre als lebende Legende und Inspiration für eine Vielzahl an jungen Künstlern bekannt, schafft er es, seinen Sound immer wieder weiter zu entwickeln. Auch überrascht er nicht nur durch frischen Crossover-Sound aus Soul, Funk und Rock, den er mit lyrischer Genialität verbindet, sondern mit seiner unverfälschten „Outsider-Mentalität“. So veröffentlichte er sein wohl bestes Werk „Mr. Misunderstood“ zu aller erst nur seinem eigenen Fanclub, bevor es am Tag darauf der Allgemeinheit zur Verfügung stand. Mit diesen Mitteln konnten viele Künstler ihre vermeintliche Talfahrt bremsen und ihrer Karriere neuen Schwung verleihen.
Die Konkurrenz schläft nicht
Auch darf Luke Combs sich nicht allzu stark auf seine bisherigen Erfolge ausruhen. Der wohl noch mehr gehypte Morgan Wallen ist ihm hinsichtlich Soundvielfalt ein ganzes Stück voraus. So bedient sich Wallen nicht nur aus allen Genres, sei es R&B, 90´s Country, Pop oder Rock, sondern kreiert seinen unverwechselbar eigenen Sound aus all diesen Kategorien. Zudem bekommt Luke Combs mächtig Konkurrenz von den weiblichen Künstlerinnen. Ella Langley räumt mit ihrem „Choosin Texas“ momentan sämtliche Rekorde ab. Lainey Wilson steht dem im Nichts nach und kassiert ordentlich viele Awards mit ihrem Southern Roots gefüllten Country Sound ab.
Sollte nun Luke Combs einen musikalischen Wechsel herbeiführen? Unser Stammtisch ist sich noch uneins. Die Meinungen gehen hier weit auseinander. Auf der einen Seite lieben wir die Hits wie „Hurricane“ oder „Beer Never Broke My Heart“, die wohl Allzeit Klassiker geworden sind. Doch Songs wie „Forever After All“, „Even Though I´m Leaving“,„Sleepless in a Hotel Room“ und „Beautiful Crazy“ ähneln sich doch sehr stark.
Fakt ist jedoch, Luke Combs hat eine sehr loyale Fanbase und ist zudem selbst auf den größten Bühnen nahbar und authentisch. Vielleicht ist dies auch sein Rezept um den Kontakt zu seinen Fans aufrecht zu erhalten. Seine Liveshows sollte jeder Countryfan gesehen haben. Hier spielt der 36-Jährige wohl seinen größten Trumpf aus. Auch dieser Aspekt ist einer der Wichtigsten um im Country-Geschäft eine Top Adresse zu sein und zu bleiben.


