Tyler Sjöström im Interview: „Folk & Americana sind meine Therapie!“

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Der amerikanische Singer-Songwriter Tyler Sjöström spricht im Interview über ehrliches Songwriting, seine Liebe zu Deutschland und warum Brüche im Leben notwendig sind.

Wer Tyler Sjöström bereits live erleben durfte, vergisst diese markante, raue Stimme wohl nicht so schnell. Fans beschreiben sie gerne als „bone-rattling“, eine passende Umschreibung für die seltene Gabe des amerikanischen Singer-Songwriters, einen Raum mit purer Emotion einzunehmen. Ursprünglich aus der lebendigen Musikszene Chicagos stammend, sollten Americana- und Folk-Liebhaber den Namen Sjöström bestenfalls schon länger auf dem Zettel haben.

Heute lebt Tyler Sjöström ein idyllisches, bodenständiges Leben zusammen mit seiner Frau, zwei Söhnen, Hündin Mya und einer Handvoll Hühnern in den Blue Ridge Mountains in Virginia. Wenn er nicht gerade wandert oder fliegenfischt, schreibt Tyler an Songs, die direkt ins Herz treffen. Nebenbei steht er mit Größen wie Tenille Townes, Judah & The Lion, den Mighty Oaks oder den Secret Sisters auf der Bühne und bespielte renommierte Festivals wie das SXSW in Texas oder das Country to Country in Berlin. Eine gewisse Portion Humor gehört für ihn dabei genauso zum guten Ton, wie eine gewisse Selbstironie. Das fängt schon bei seinem schwedischen Nachnamen an: „Amerikaner können Dinge, die nicht amerikanisch sind, einfach nicht richtig aussprechen. Deshalb sagen wir hier einfach ’Show-strum‘. Das ist die pragmatische US-Version“, erklärt er grinsend.

Dass in den Staaten tatsächlich noch ein weiterer Singer-Songwriter mit exakt demselben Namen existiert, nimmt er ebenfalls gelassen: „Er ist natürlich der böse Tyler Sjöström und ich der gute. Wenn wir uns irgendwann mal treffen, müssen wir das wohl in einem Käfigkampf mit Gitarren austragen.“ Genau dieser trockene, unaufgeregte Humor ist es, der schnell vergessen lässt, wie tief und ernst die Themen eigentlich sind, die Sjöström in seiner Musik verarbeitet.

Folk als Therapie

Denn Tyler Sjöström sieht seine musikalische Heimat ganz klar im traditionellen Folk und Americana. „Americana und Folk sind meine persönliche Therapie“, gesteht er. „Nichts ersetzt einen Künstler mit einer Gitarre am Lagerfeuer.“ Dabei hat er mit Dancehall sogar sein zweites Standbein gefunden. Trotzdem: „EDM macht Spaß, aber Folk und Country fühlen sich einfach unglaublich menschlich an. Dort liegt meine wahre Leidenschaft.“ Das merkt man in jeder seiner Zeilen. Sie entstehen nie am Reißbrett, sondern aus dem echten Leben: Beziehungen, Familie, Verlust, Hoffnung und die raue Schönheit der Natur bilden den Kern seiner Texte.

Nach einer längeren Veröffentlichungspause kommt nun endlich wieder Bewegung in Tylers Diskografie. Bereits Ende vergangenen Jahres erschienen mehrere neue Songs, ehe Anfang dieses Jahres mit „Hallowed Ground“ eine der persönlichsten Kompositionen seiner bisherigen Karriere folgte. Doch das soll erst der Anfang gewesen sein. „Wir haben gerade sechs neue Songs fertiggestellt. Sie befinden sich im Mastering – das ist der allerletzte Schritt. Danach werden wir sie nach und nach veröffentlichen. Ich freue mich riesig darauf. Es ist schön, den Fans endlich zeigen zu können, dass ich noch da bin – und das besser denn je.“ Den Auftakt dieses neuen Kapitels bildet die frisch veröffentlichte Single „Call Me Sweet“.

Der Titel stellt eine Hommage an die Beziehung zu seiner heutigen Ehefrau dar. Der Song erzählt von Zeiten, die alles andere als unkompliziert verliefen. Ihre Beziehung entwickelte sich rasant, gleichzeitig mussten beide schon früh mit schweren Schicksalsschlägen umgehen: Trauer, Depressionen, eine zwischenzeitliche Trennung und der ständige Versuch, sich trotz des äußeren Drucks nicht zu verlieren. „Call Me Sweet“ beleuchtet das Verhältnis zweier Menschen, die lernen müssen, ihre eigene Verwundbarkeit zuzulassen. Ehrlichkeit bedeutet eben nicht nur Nähe, sondern manchmal auch Schmerz. Denn wer sich traut, sich vollständig zu öffnen, macht sich gleichzeitig auch angreifbar.

Tyler beschreibt dieses Spannungsfeld eindrucksvoll: „Manchmal brauchen wir einfach nur jemanden, der bleibt. Der zuhört. Der uns auch in den Momenten sieht, in denen wir uns selbst zerbrochen fühlen. Nenn mich süß, nenn mich irgendetwas – am Ende ist es völlig egal, solange wir gemeinsam durch all das hindurchgehen.“

Musikalisch setzt Sjöström diese Intimität bewusst reduziert um. Eine sanft fingergepickte Akustikgitarre und ein fast flüsternder Gesang lassen den Hörer zunächst beinahe voyeuristisch an einer privaten Unterhaltung teilhaben. Erst nach und nach öffnen sich Piano, Orgel, elektrische Gitarren und das Schlagzeug zu einem großen, emotionalen Crescendo. Diese Produktion im Dienste der Geschichte verschafft dem Song seine intensive Wirkung.

Keine Beziehung kann perfekt sein

Auch „Hallowed Ground“ beschäftigt sich mit seiner Ehe, allerdings aus einer anderen Perspektive. Der Song blickt auf jene Phase zurück, in der Tyler und seine heutige Frau getrennt waren. „Wir hatten uns damals aus den Augen verloren und erlebten beide eine unglaublich schwere Zeit“, erinnert er sich. „Irgendwann haben wir erkannt, dass unser Leben mit dem jeweils anderen einfach besser ist. Aber bis man zu dieser Erkenntnis gelangt, muss man manchmal einen ziemlich steinigen Weg gehen.“

Der Song beschreibt die emotionale Achterbahnfahrt zwischen Hoffnung, Zweifel und dem langsamen Eingeständnis, dass manche Konflikte notwendig sind, um gemeinsam wachsen zu können. Besonders berührend wird „Hallowed Ground“ durch ein intimes Detail auf der Tonspur: Ganz am Anfang hört man im Hintergrund leise seine Kinder spielen. „Heute haben wir zwei Söhne. Dadurch verbindet der Song die Vergangenheit, die Gegenwart und unsere Zukunft in wenigen Sekunden.“ Es ist ein Moment, der Sjöströms Songwriting perfekt auf den Punkt bringt: Aus zutiefst persönlichen Erinnerungen entstehen universelle Geschichten. Denn letztlich geht es ihm nie nur um sich selbst. „Jede gute Beziehung hat Höhen und Tiefen. Entscheidend ist, dass man bleibt, präsent ist und miteinander spricht.“

Die Menschen sehnen sich nach Authentizität – nicht nach einem KI-Prompt.

– Tyler Sjöström

Ähnlich verhält sich auch Tyler Sjöströms respektvolle und innige Beziehung zum deutschen Publikum. Vor allem das Berliner C2C Festival gehört längst zu seinen absoluten Lieblingsstationen. „In amerikanischen Bars läuft auf den Fernsehern oft Football oder die Nachrichten, du bist als Musiker im Grunde nur die Hintergrundmusik. In Deutschland ist das komplette Gegenteil der Fall. Man könnte während des Sets eine Stecknadel fallen hören, weil die Leute wirklich zuhören.“

Das Leben schreibt seine eigenen Brüche

Für einen Storyteller, dessen Musik von den leisen Zwischentönen lebt, ist das natürlich die optimale Voraussetzung. „Die Menschen hier sehnen sich nach Authentizität. Nach echten Geschichten von echten Menschen – nicht nach einem KI-Prompt. Diese Aufmerksamkeit spüren wir auf der Bühne. Dadurch entsteht eine Energie, die den Abend für alle Beteiligten magisch macht. Es fühlt sich inzwischen wie ein zweites Zuhause an.“ Tyler Sjöström und das deutsche Publikum kennen sich eben mittlerweile. „Andere Musiker beschweren sich manchmal darüber, dass Deutsche nicht immer im richtigen Takt klatschen. Aber ich habe ehrlich gesagt überhaupt nichts zu meckern. Für mich gibt es hier nur Positives.“

Tyler Sjöström gehört definitiv nicht zu den lautesten oder schrillsten Stimmen der modernen Americana-Szene. Denn er sucht weder einen billigen Paukenschlag noch die kalkulierte Selbstinszenierung. Seine große Stärke liegt darin, alltägliche, zutiefst menschliche Erfahrungen mit einer Offenheit zu erzählen. Etwas, das im heutigen Musikgeschäft selten geworden ist.

Bei ihm dürfen Beziehungen scheitern und Menschen Fehler machen. Verletzlichkeit ist für Tyler keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für echte Nähe. Genau deshalb erzählen Songs wie „Call Me Sweet“ oder „Hallowed Ground“ keine erfundenen Märchen, sondern das echte Leben mit all seinen Brüchen und Narben. Genau deshalb hat Tyler Sjöström weit mehr gefunden als nur ein internationales Publikum: Hörer, die sich in seinen Geschichten selbst wiedererkennen.

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