Noah Kahan wurde Dank seiner Bodenständigkeit zum globalen Superstar. Das neue Album „The Great Divide“ ist die konsequente Fortsetzung.
Noch vor zwei Jahren durften wir ihn live im schönen Hamburger Stadtpark sehen. Heute füllt er in seiner Heimat Stadien und auch für die beiden Arenakonzerte in Deutschland Ende des Jahres gibt es nur noch Restkarten. Noah Kahan ist Dank seines sensationellen Albums „Stick Season“ und dem gleichnamigen Megahit zu einem Weltstar avanciert, der er eigentlich gar nicht sein will.
Kaum ein Künstler verkörpert derzeit diesen einzigartigen Spagat zwischen überwältigendem Erfolg und spürbarer Bodenständigkeit wie der 1997 im US-Bundesstaat Vermont geborene Noah Kahan. Seine Geschichte beginnt fernab der großen Musikmetropolen. Nämlich in Strafford, einem kleinen Ort in Vermont, umgeben von Wäldern, Weite und der oft zitierten amerikanischen Provinzmelancholie. Diese Herkunft prägt seine Musik bis heute. Seine Songs erzählen von Isolation, mentaler Gesundheit, Selbstzweifeln, aber auch von Verbundenheit, Natur und leisen Momenten der Hoffnung.
Schon früh veröffentlichte Noah erste Songs online, unterschrieb schließlich einen Major-Deal und brachte 2019 sein Debütalbum „Busyhead“ heraus. Doch der große Durchbruch blieb zunächst aus. Es folgten Jahre des Suchens, der künstlerischen Weiterentwicklung und persönlicher Krisen, die er später offen thematisieren wird.
Mit Melancholie zur Stimme einer ganzen Generation

Im Jahr 2022 sollte sich genau das ändern. Sein Album „Stick Season“ traf einen Nerv bei jungen Menschen, wie man es nur selten erlebt. Der Titel beschreibt jene trostlose Zeit zwischen Herbst und Winter, quasi eine Metapher für emotionale Zwischenzustände, für Stillstand und innere Leere. Der gleichnamige Song entwickelte sich zunächst über TikTok, dann weltweit zum Hit. Weil er ehrlich ist. Weil Noah Kahans Stimme rau, verletzlich und ungefiltert das transportiert, was viele fühlen, aber selten so klar ausdrücken können.
Songs wie „Northern Attitude“, „Homesick“ oder „Growing Sideways“ schreien nicht. Sie sind oft melancholisch, manchmal sogar schwer, doch nie hoffnungslos. Es gibt immer einen Moment des Lichts, einen kleinen Ausweg. Noah singt über Angststörungen, Depressionen und das Gefühl, nicht genug zu sein. Themen, die gerade für eine jüngere Generation erschreckend vertraut sind. Gleichzeitig gelingt es ihm, daraus keine erdrückende Schwere zu schaffen, sondern eine Ehrlichkeit, die verbindet. Noah Kahan ist für diese Generation der eine nahbare Künstler, der offen mit Therapie, Druck und dem Gefühl, mit dem eigenen Erfolg nicht Schritt halten zu können, umgeht.
Noah Kahan erzwingt mit „The Great Divide“ nichts
Während sich Noah Kahan auf „Stick Season“ stark mit Vergangenheit und Herkunft beschäftigt hat, richtet er für sein neues Album „The Great Divide“ den Blick stärker in sein Inneres.
So scherzte er vorab auf X: „Mir ist das Wetter egal. Ihr werdet diesen Sommer traurig sein.“ „End of August“ macht daraus ein Versprechen. Was als zurückhaltende Ballade beginnt, entwickelt sich zu einer über fünf Minuten langen Ode auf jene Augenblicke, die schon während ihres Vergehens eine leise Sehnsucht hervorrufen. Mit „Doors“ zeigt Noah eine atmosphärisch Dichte, fast drückende Seite seines Sounds. Der Song entfaltet eine rhythmisch-treibende Dynamik, die unterschwellig nach Bewegung verlangt.
„American Cars” wirkt stattdessen größer und stadiontauglicher. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen Noah Kahan klingt wie der Superstar, der er inzwischen ist. Nur um sich im nächsten Augenblick wieder zurückzunehmen. So zeichnet „Downfall“ das dezidierte Bild eines inneren Absturzes. Noah beschreibt das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, und findet dabei Worte für einen Zustand, der oft schwer greifbar ist.
“Another thing we don’t talk about anymore.
– singt Noah Kahan auf „Deny Deny Deny“
Don’t worry, I won’t bring it up.”
„Deny Deny Deny“ setzt einen drängenden Kontrast dazu. Neben der temporeichen, sogar optimistisch klingenden Produktion, schwingt eine brodelnde Frustration durch den Song. In Zusammenspiel mit seinem eingängigen Refrain wird der Track sicherlich eines der größten Mitsingmomente auf der bevorstehenden Tour zelebrieren. Der Titelsong „The Great Divide“, eine ruhige, sich langsam entfaltende Ballade über Distanz zu anderen, aber auch zum eigenen früheren Ich, beweist währenddessen, dass Noah Kahan nichts erzwingen braucht. Er nimmt sich die Zeit, seine Musik atmen zulassen. Die Wirkung entsteht so von ganz allein.
Der Titelsong „The Great Divide“, eine ruhige, sich langsam entfaltende Ballade über Distanz zu anderen, aber auch zum eigenen früheren Ich, beweist, das Noah nichts erzwingen braucht. Er nimmt sich die Zeit, den Song atmen zulassen. Die Wirkung entsteht so ganz von selbst.
Überhaupt ist „The Great Divide“ kein Versuch „Stick Season“ zu übertreffen, sondern vielmehr dessen konsequente Weiterentwicklung. Noah Kahan bleibt sich treu und verliert sich nicht im Erwartungsdruck. Er geht emotional tiefer in sich, statt größer zu werden. Das Album fühlt sich dadurch wie ein ungefiltertes Tagebuch an, in dem Noah den Druck beschreibt, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Er bleibt Beobachter seiner eigenen Geschichte. Manchmal gar so als könne er selbst kaum glauben, was gerade passiert.
Doch all das ist real. Der einst kleine, lispelnde Junge aus Vermont steht heute tatsächlich als reflektierter Megastar inmitten ausverkaufter Stadien. Weil er jemand ist, der Zweifel zulässt, Schwächen zeigt und keine Angst hat, sich verletzlich zu machen.


